Tschirgant Wanderung: Gipfeltag über dem Inntal

Puls auf 180, und der Gipfel noch weit: Meine Tschirgant Wanderung von der Karröster Alm bei Imst wird zur Lektion in Sachen eigenes Tempo. Ein Wanderbericht.
Geschrieben von Sven Becker
am 4. November 2026

Inhalt

180. Vielleicht auch drüber. Ein Pulsmesser am Handgelenk gilt nicht gerade als Präzisionsinstrument, aber als Indiz taugt die Zahl allemal. Normalerweise schaue ich beim Wandern nicht auf die Uhr. Aber heute schon. Das Herz schlägt irgendwie schneller als sonst gegen die Brust und spüre ich jeden Schlag beim Atmen. Ob das wohl schon an der Höhe liegt? Meine Wanderung auf den Tschirgant hat gerade erst begonnen, auf knapp 1.500 Metern, und ist mein erster ehrlicher Gedanke wenig heldenhaft: Das schaffe ich nicht! Zumindest nicht in diesem Tempo.

Tschirgant Wanderung: von der Karröster Alm steil bergan

Nach der Pressereise bin ich noch ein paar Tage in Imst geblieben. Mit der Imst Card aus meinem Hotel darf ich kostenlos bei den geführten Wanderungen des Tourismusverbands mitlaufen, und dienstags ist dort Gipfeltag. Also stehe ich an diesem Morgen an der Karröster Alm, mit ein paar Gleichgesinnten und alle mit Lust auf einen Gipfel.

Vorneweg geht Silvi, Wanderführerin des Tourismusverbands. Konditionell durchtrainiert, freundlich, aber bestimmt, wie es jemand sein muss, der für eine Gruppe am Berg die Verantwortung trägt. Eine Bergfexin durch und durch. Nebenbei erzählt sie mir, dass sie auch Trailrunning macht. Das erklärt ihre Kondition. Und warum ich mit meiner nicht mithalten kann.

Denn es geht sofort zur Sache. Erst über eine Wiese, dann in den Wald, der sich mit jedem Höhenmeter weiter lichtet. Auf den Farnen liegen noch die Tropfen der letzten Nacht, die Sonne steckt hinter einer milchigen Decke. Zum Glück, denke ich, sobald der Wald hinter mir liegt und es keinerlei Schatten mehr gibt. Ein paar schmale Passagen führen an Hängen entlang und geben den Blick nach Nordosten frei. Flach wird es nirgends. In jeder Pause sackt mein Puls zwar recht schnell auf rund 130 herab, nur um danach wieder nach oben zu schnellen. Das ungute Gefühl bleibt.

In meinem Tempo Richtung Grat

Irgendwann gestehe ich mir ein, dass meine Kondition so früh im Jahr für dieses Tempo schlicht noch nicht reicht. Ein bisschen ärgert mich nur, dass ich erst eine Zahl auf der Uhr brauche, um zu merken, was mein Körper längst weiß. Ich erkläre Silvi, wie es mir geht. Und dann ergibt es sich alles fast von selbst: Sie geht mit denen vorneweg, die schneller wollen, und ich hole die Gruppe in den Pausen dann einfach immer wieder ein. Silvi weiß, dass sie sportlicher unterwegs ist als der Durchschnittswanderer, und behält trotzdem alle im Blick. Ich sie umgekehrt aber auch. Der Weg ist weithin einsehbar, hier verliert niemand den anderen.

Ab diesem Moment wird für mich aus Mühe Vergnügen. Ich muss nicht mehr über meine Grenze gehen, sondern laufe so, wie mein Körper es gerade hergibt. Das fühlt sich einfach nur großartig an. Jetzt habe ich erst recht Freude am Aufstieg. Durch niedrige Latschenkiefern, deren würziger Duft in der Luft hängt, geht es Richtung Zwölferkopf, bis nur noch Geröll und Steine übrig sind. Kurz vor dem Ostgipfel zweigt der Weg nach Westen auf den Grat zum Hauptgipfel ab. Hier wird die Wanderung alpin, und sind die Ausblicke so schön, dass ich mich zwingen muss, den Blick hin und wieder auch mal auf meine Füße zu richten.

Am Gipfel des Tschirgant: Sprachlos über dem Inntal

Oben weht ein leichter Wind, frisch und noch nicht wirklich sommerlich, aber nach der Anstrengung des Aufstiegs genau richtig. Diesen Gipfel bekommt man nicht geschenkt. Umso stiller werde ich, als ich ihn erreicht habe. Tief unten schlängelt sich der Inn durchs Tal, smaragdgrün, wie eine riesige Schlange voller Leben und Kraft. Die Ortschaften daneben wirken winzig, die Häuser wie auf einer Modelleisenbahn. Gegenüber stehen die Ötztaler Alpen, erstaunlich weit weg und noch immer mit Schnee auf den Gipfeln. Die Schafskälte hatte ein paar Tage zuvor noch einmal Neuschnee bis auf fast 2.000 Meter gebracht, das hatte ich am Imsterberger Kreuz bereits festgestellt.

Es gibt Brotzeit, es gibt Fotos, und es gibt diesen Moment, in dem niemand etwas sagen muss. Ein erreichter Gipfel macht mich immer erst einmal sprachlos. Für dieses Panorama braucht es keine Gespräche, nur die Fähigkeit, es auf sich wirken zu lassen. Fast schon wie eine Meditation.

Was ich erst später lese: Irgendwo dort unten, in Brennbichl bei Karrösten, endete 1854 die Reise eines Landsmanns tragisch. Friedrich August II., König von Sachsen, war auf dem Weg ins Pitztal, als seine Kutsche in einem Hohlweg umkippte und ihn ein Pferd am Kopf traf. Er starb kurz darauf im Gasthof Neuner, der auch heute noch steht. Als gebürtiger Dresdner nehme ich das bei aller Tragik als leise Mahnung: Ein Sachse ist in Tirol zu Fuß einfach besser aufgehoben. Und das dann eben im ganz eigenen Tempo.

Abstieg über die Bergwachthütte

Der Abstieg führt nach Westen und hat noch eine kleine Überraschung parat: ein plattiges Felsband, mit Drahtseil gesichert. Ein bisschen Kraxeln gehört für mich in den Alpen einfach dazu, alles andere wäre ja auch zu langweilig. Genau diese Mischung mag ich, vom Waldpfad übers Geröll bis zu einer kleinen, aber ungefährlichen Kletterei.

Kurz darauf steht die Bergwachthütte am Weg, eine kleine Hütte aus Stein mit Bänken und Tischen davor. Wie ein größerer Balkon mit Weitblick quasi. Getränke gibt es gegen eine Kasse des Vertrauens. Silvi erzählt mir, dass Helfer und Freiwillige die Getränke vom Tal hier heraufschleppen, denn eine Seilbahn oder einen Lastenlift gibt es nicht. Wer hier oben nur kurz pausiert, verschenkt etwas.

Danach geht es durch Latschenkiefern und Wald hinunter, bis ein Forstweg den letzten Kilometer schnurgerade auf die Karröster Alm zuführt. So idyllisch, so typisch alpin, dass man im Alltag fast vergessen könnte, wie schön es hier eigentlich ist. Ich frage Silvi, ob sie die Schönheit dieser Orte nach all den Malen, die sie bereits in ihnen unterwegs war, überhaupt noch sieht. Ihre Augen leuchten. Na klar sieht sie die noch. Was für eine Frage.

Halbzeit am Gipfel, Ankommen an der Alm

Natürlich kehrt die Gruppe zum Schluss in der Alm ein. Das Wetter ist heute nicht ganz so der Knaller, also hat die Runde die Terrasse für sich allein. Stilecht wird auf den Gipfel angestoßen, und jeder in der Runde lässt noch einmal Revue passieren, was er heute erlebt hat. Meine Geschichte handelt daher nicht nur vom Gipfelblick allein, sondern auch vom Weg dorthin. Und wieder hinunter. Denn oben ist immer nur Halbzeit. Angekommen bin ich erst hier, gesund, im eigenen Takt, und mit mehr Freude an diesem Tag, als ich nach dem ersten Blick auf die Uhr für möglich gehalten hätte.

Grenzen muss man nicht immer überschreiten. Manchmal ist Durchbeißen richtig, manchmal ist es aber klüger, auf den eigenen Körper zu hören. Gerade am Anfang der Saison. Und die 180? Ist jetzt nur noch eine Zahl. Aber dafür eine mahnende und letzten Endes richtig schöne Erinnerung.

Tipps & Informationen

START / ZIEL
↠
Karröster Alm (1.467 m) oberhalb von Karrösten bei Imst

ANREISE
↠ Mit den Öffis: Die Züge der ÖBB halten am Bahnhof Imst-Pitztal, Bahnhof. Von dort fährt die Busline 318 nach Karrösten, Siedlung. Genau wie beim Auto verlängert das die Wanderung um ein paar Kilometer.
↠ Mit dem Auto: Für das Abstellen des Autos bietet sich der Wanderparkplatz Karrösten an. Zwar verlängert sich dadurch die Tour um einige Kilometer, dafür ist man aber unabhängig vom Bus, der nur zu bestimmten Zeiten fährt.

AUSRÜSTUNG
Benötigt werden festes Schuhwerk, Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und keine Angst vor schmalen, ausgesetzten vor allem aber alpinen Pfaden. Zwischendrin ist der Steig recht ausgesetzt, dafür aber sehr gut gesichert.

UNTERKUNFT
Ich kann das Hotel Auderer im Zentrum von Brennbichl empfehlen, in dem ich selbst geschlafen habe. Es ist zweckmäßig eingerichtet und bietet Erholung und Entspannung. Zudem ist es der ideale Ausgangspunkt für viele Unternehmungen in Imst und Umgebung. Vor allem die großartige Küche hat meinen Aufenthalt zu einem entspannten Genuss gemacht, weshalb ich die Halbpension von ganzem Herzen empfehlen kann. Außerdem liegt eine gute Bushaltestelle nur 5 Minuten zu Fuß vom Hotel entfernt, so dass ich während meines Aufenthalts komplett aufs Auto verzichten konnte.

ESSEN & TRINKEN
↠ Karröster Alm (bewirtschaftet ca. Mitte Mai bis Ende Oktober), es empfiehlt sich, die Öffnungszeiten der Almhütte im Vorfeld zu überprüfen.
↠ Bergwachthütte (unbewirtschaftet, Getränke gegen Kasse des Vertrauens)

!— BESONDERER TIPP —!
Wer in Imst übernachtet, erhält automatisch die Imst Card. Mit dieser sind viele Eintritte vergünstigt oder sogar kostenlos und kann damit der ÖPNV vor Ort ebenfalls kostenlos genutzt werden. Bei einem Aufenthalt von mehr als drei Nächten kann die Seilbahn in Hoch-Imst sogar einmal täglich kostenlos genutzt werden! Das ist großartig und erleichtert Wanderungen in den höheren Lagen enorm.

Wanderkarte

8,4 km

870/866 m

5 h

Von Montag bis Freitag bietet der Tourismusverband geführte Wanderungen in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden an. Diese werden zumeist von Wanderführerin Silvi Mair durchgeführt. Interessierte geben einfach am Vortag bis 16 Uhr beim Tourismusverband Bescheid und sind am nächsten Tag mit einer echten Bergfexin auf Tour.
↠ Mit der Imst Card ist die Teilnahme dann sogar kostenlos.

Bergwissen, Geduld und richtig gute Laune. Silvi ist die perfekte Begleitung auf den Tschirgant.
Bergwissen, Geduld und richtig gute Laune: Silvi ist die perfekte Begleitung auf den Tschirgant.

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