Der höchste Berg der Insel Rügen ist leichter zu besteigen als zu finden. Wenn man ihn dann aber endlich gefunden hat, wartet eine bescheidene Überraschung: Er ist nur 161 Meter hoch, hat statt eines Gipfelkreuzes einen Ortungsstein und die Aussicht hält dem Namen „Piekberg” nicht wirklich stand. Dafür entschädigt der Nationalpark Jasmund mit etwas Besserem: einem der schönsten Buchenwälder Deutschlands und den dramatischen Wissower Klinken, die den Ausblick auf die Ostsee ganz besonders abrunden.

Der höchste Berg, den man erst suchen muss
Ich stehe früh am Morgen auf dem Parkplatz bei Hagen, während die ersten Sonnenstrahlen gerade beginnen, durch die Wolkenreste der letzten Nacht zu dringen. Ein frischer Wind treibt sie voran und strahlt dahinter der Himmel bereits in hellstem Blau. Die Rezeptionistin meines Hotels war optimistisch: Spätsommerliche 22 Grad sollen es heute noch werden. Ich nehme sie beim Wort und starte meine Wanderung.
Die ersten Kilometer führen über unausgeschilderte Wege in Richtung des „Piekbergs“. Nach gut zwei Kilometern und etwa 50 Höhenmetern werde ich neugierig. Als höchster Berg der Insel muss der Gipfel doch etwas Besonderes sein. Auch dann, wenn ich bei meinen Recherchen so gar nichts Wissenswertes über ihn finden konnte.
Wenig später gelange ich an eine Lichtung. Hier soll er sein, der höchste Berg der Insel. Ein schmaler Trampelpfad führt durchs Unterholz. Ich folge ihm. Kurz darauf stehe ich auf einer kleinen Anhöhe, schaue mich um – und sehe nichts. Nur einen Ortungsstein. Er ist nicht groß, nicht spektakulär und vor allem nicht mit einem Kreuz verziert. Einfach nur ein Stein, der sich selbst vermutlich wichtiger nimmt, als er es verdient. 161 Meter Höhe. Wahrlich kein Heilsbringer, aber immerhin. Die Aussicht? Gleich null. Man sieht nur Unterholz und Bäume. Dafür bin ich allerdings stolz, dass ich ihn überhaupt gefunden habe. Diesen höchsten Berg der Insel Rügen.



Buchenwald und Herbstvisionen
Nach dem „Gipfel“ geht es auf unausgebauten Wegen weiter durch den Nationalpark Jasmund, immer tiefer in einen der schönsten Buchenwälder, die ich je gesehen habe. Die steife Brise von der See bringt die Wipfel zum Rauschen und fallen letzte Tropfen des nächtlichen Regens von den Blättern zu Boden. Die Luft erwärmt sich spürbar – ich habe das Gefühl, dass die Rezeptionistin wohl recht behalten wird.
Auch der Untergrund ist noch feucht vom Regen. Dafür leuchtet das Moos in einem satten Grün, wie man es sonst nur auf Gemälden sieht. Während ich durch den Wald wandere, male ich mir aus, wie es hier wohl im Herbst aussehen muss. Wenn die Buchen ihre volle Farbpracht in Gold, Rot und Orange entfalten. Das muss ein wahrer Farbrausch sein, durch diese Bäume zu wandern. Ich denke glatt darüber nach, im Herbst nochmal wiederzukommen.
Am nächsten Orientierungspunkt halte ich mich genau in die Richtung, die als einzige keine Hinweisschilder trägt, nämlich links. Die nächsten zwei Kilometer bis zu den Wissower Klinken sind eine Wohltat: Es gibt kaum Höhenmeter und ich laufe auf einem verträumten Waldweg, der mich mit jedem Schritt näher an die Kreidefelsen bringt.

Die Waldhalle und die ersten Blicke auf die Ostsee
Kurz vor den Wissower Klinken stoße ich auf die Waldhalle. Das ist ein kleines Gebäude mit einer Mini-Ausstellung über den Nationalpark und den Buchenwald. Und es gibt – nicht ganz unwichtig – die Möglichkeit, etwas zu essen oder zu trinken. Vor dem Gebäude laden überdachte Sitzbänke zur Rast ein. Ich setze mich in den Schatten, lausche dem leisen Gemurmel anderer Besucher und gönne mir eine Pause. Dann geht es auch schon weiter.
Keine 20 Meter von der Waldhalle entfernt schimmert die Ostsee bereits durch die geraden, schlanken Stämme der Buchen. Mein Herz klopft schneller, denn ich kann es kaum erwarten, endlich wieder das smaragdgrüne Wasser der Ostsee zu sehen. Am nächsten Wegweiser wende ich mich nach links und stehe kurz darauf am Orientierungspunkt 9 – und damit direkt an den Wissower Klinken.





Die Wissower Klinken – Endlich
Was sich mir jetzt offenbart, ist unbeschreiblich schön. Die Kreidefelsen leuchten weiß und heben sich deutlich von der Ostsee ab. Obwohl an dieser Stelle der Kreideküste immer wieder Teile der Felsen abbrechen und man sich dem Abgrund besser nicht zu sehr nähern sollte, ist die Aussicht fantastisch. Eine Küste im Wandel. Im Jahr 2005 brachen zuletzt mehrere Bereiche der Wissower Klinken in die Ostsee und veränderten das Bild dramatisch. Von der Ansicht zur Zeit des Malers Caspar David Friedrich ist jetzt nur noch ein Bruchteil zu erahnen, was er einst in Gemälden verewigte. Und vor allem: Vorsicht! Zuweilen geht es steil in die Tiefe, weshalb man dem Abgrund besser nicht zu nah kommen sollte.
Nach den Wissower Klinken wandere ich oberhalb der Abbruchkante entlang und jede Kurve offenbart eine neue Aussicht. Der leichte Wind von der See rauscht durch die Wipfel und die Wellen schlagen in rhythmischem Rauschen hinauf. Hin und wieder knarrt ein Baum. Auch die Sonne schickt ihre Strahlen durch das dichte Blätterwerk. Es ist einfach traumhaft schön hier. Ich bleibe länger stehen, als geplant.

Der Abstieg zum Kieler Bach
Kurz darauf führt eine steile Treppe hinab zum Strand und damit auch zum Kieler Bach, der hier in Form eines kleinen Wasserfalls in die Ostsee mündet. An dieser Stelle wurde früher, bis Anfang des 20. Jahrhunderts, Kreide abgebaut, die vornehmlich für Kosmetik, Wandfarbe oder Lacke genutzt wurde. Heute wird Kreide nur noch außerhalb des Nationalparks abgebaut. Denn hier im Nationalpark Jasmund ist sie wieder in den Händen der Natur.
Am Strand sammle ich Steine, schaue nach angeschwemmtem Holz, hier und da finde ich eine Muschel oder eine gestrandete Feder. All diese kleinen Dinge werden mir plötzlich wieder wichtig. Weil ich endlich Zeit und Muße habe, sie zu genießen. Über die steile Treppe geht es dann zurück nach oben und der Weg führt mich oberhalb der Kreidefelsen weiter bis zum Kollicker Ufer.




Der Weg zurück: Kollicker Bach und Kollicker Damm
Der weitere Weg führt im steten Auf und Ab immer oberhalb der Kreideküste entlang. Er wird ganz schön alpin und ich überquere wenig später den Kollicker Bach auf einer hölzernen Brücke. Für diesen Moment heißt es Abschied nehmen von der See. Der Weg führt mich nun weg vom Ufer und entlang des Kollicker Baches wieder tiefer in den Buchenwald hinein.
Kurz darauf stoße ich auf ein ehemaliges Wehr, das den Kollicker Bach einst zu einem kleinen See aufstaute. Das Wehr ist längst gebrochen und der Damm funktioniert nicht mehr. Gräser, Farne, Moose und junge Birken haben sich das einstige Staubecken zurückerobert. Der Bach windet sich wieder in Serpentinen durch die flache Schlucht, und die Natur hat sich ihren Platz zurückerobert. Das Ergebnis ist weitaus schöner als jede menschliche Konstruktion.
Auf dem Kollicker Damm, einem Wanderweg entlang des Baches, geht es nun langsam in Richtung Hagen und zurück zum Parkplatz. Auch wenn die Beine schwer werden, bleibt das Gefühl in der Brust leicht. Es ist eine richtig schöne Tour, die nur kurz die Touristenströme berührt.


Mein Fazit: Die Insel Rügen jenseits der Flachheit
Der Nationalpark Jasmund ist womöglich nicht das, wonach man sich sehnt, wenn man an die Insel Rügen denkt. Es gibt hier kein flaches Strand-Idyll mit weißem Sand, sondern dramatische Kreideküsten, lichte Wälder und einen Berg, der sich selbst nicht ganz ernst nimmt. Aber genau das ist sein Charme. Wer Rügen wirklich kennenlernen möchte, sollte nicht nur an der Ostsee sitzen und kalten Rosé in der Sonne trinken. Die Bergwelt – ja, auch 161 Meter zählen – lohnt sich. Besonders im Herbst, wenn der Buchenwald zu einem wahren Goldrausch wird.

Tipps & Informationen
ANREISE
↠ Bahn/ÖPNV: Von Sassnitz mit den Buslinien 14 (oder 19) bis zur Haltestelle NipHagen (Rügen), Parkplatz.
↠ Das Auto lässt man am besten auf dem kostenpflichtigen Parkplatz in Hagen stehen.
AUSRÜSTUNG
Für diese Wanderung ist keine besondere Ausrüstung erforderlich. Lediglich das ständige Auf und Ab entlang der Abbruchkante könnte etwas anstrengend werden. Für die Aussichten sollte man außerdem schwindelfrei sein.
WEGEQUALITÄT
Es sind größtenteils Forst- und Waldwege, nur wenig Straße. Entlang der Abbruchkante gibt es meist breite, manchmal aber auch schmale Wanderwege, die über Wurzeln und gelegentlich auch über Steine führen.
ESSEN & TRINKEN
Da es sich um eine Tageswanderung handelt, ist es empfehlenswert, vor allem im Sommer, Essen und Trinken dabeizuhaben. Einkehren kann man bei dieser Tour an mehrern Stellen:
↠ „Michael-Otto-Haus“ (auch bekannt als Waldhalle) mit kleiner Ausstellung und kleinem Imbiss. Es liegt auf etwa der Hälfte der Strecke.
↠ Kurz vor Ende der Wanderung kommt man am idyllisch gelegenen Restaurant „Baumhaus Hagen“ vorbei. Es ist jedoch nur von Montag bis Freitag geöffnet. Warum auch immer. [Stand: 2026]
↠ Gegenüber des Parkplatzes in Hagen befindet sich das Wild-Restaurant „Kleine Försterei“, das Wild aus eigener Zucht serviert.
!— BESONDERER TIPP —!
Man kann kleine Snacks oder Tapas einpacken und an einem der vielen Aussichtspunkte entlang der Steilküste ein ausgiebiges Picknick genießen. Im Sommer kann man dabei im Schatten der Buchen den Blick über die sanft geschwungenen Wellen der Ostsee schweifen lassen.// OBENDREIN Wer sich über den Nationalpark und seine Natur informieren möchte, kann dies im UNESCO-Welterbeforum „Waldhalle“ tun. Die Ausstellung ist zwar klein, dafür aber recht informativ und vor allem kostenlos.
Wanderkarte
14,2 km
180/180 m
4 h
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