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„Now is Now Tokyo“ – Buchtipps: Street Photography aus Japans Hauptstadt
Tokio, eingefangen im Vorbeigehen
Schon das Format dieses Buches hat mich neugierig gemacht. Es ist kein klassischer Reiseführer und auch kein Text zum Lesen, sondern ein großformatiger Bildband, der Tokio so zeigt, wie es aussieht, wenn niemand extra für die Kamera posiert. „Now is Now Tokyo“* ist eine von Lukasz Palka herausgegebene und kuratierte Anthologie, in der achtzehn Street-Fotografinnen und -Fotografen ihre Sicht auf die Stadt präsentieren.
Das Prinzip dahinter ist Street Photography im engeren Sinn: ungestellte, spontane Alltagsmomente, die zwischen U-Bahn-Rolltreppen, Neonlicht und engen Gassen abseits der Touristenmeilen eingefangen wurden. Statt einer einzelnen Handschrift erhält man beim Durchblättern achtzehn verschiedene Blickwinkel auf dieselbe Stadt, was den besonderen Reiz ausmacht. Die eine Aufnahme wirkt beinahe dokumentarisch nüchtern, die nächste fast surreal überzeichnet. Zusammen ergibt das ein Tokio, das gleichzeitig chaotisch, ruhig, hochmodern und traditionsverhaftet wirkt – genau diese Widersprüchlichkeit reizt mich beim Wandern durch fremde Städte am meisten.
Wer steckt hinter dem Buch?
Lukasz Palka lebt seit Jahren in Tokio, wo er sich als Streetfotograf und Workshop-Leiter einen Namen gemacht hat. Sein erstes Buch „Tokyo Unseen“, das ebenfalls bei teNeues erschien, versammelt ein Jahrzehnt eigener Aufnahmen aus der Stadt. Mit „Now is Now Tokyo“ geht er einen Schritt weiter und tritt selbst einen Schritt zurück: Anstatt nur seine eigene Perspektive zu zeigen, gibt er anderen Fotografinnen und Fotografen aus der Tokioter Street-Photography-Szene eine Bühne. Sein Motto, dass Kreativität aus Neugier und Disziplin entsteht, lässt sich in der sorgfältigen Auswahl gut wiedererkennen.
Mein Fazit
Für mich sind Bildbände wie dieser vor allem eines: Planungsstoff für die nächste Reise, lange bevor der Flug gebucht ist. Was mich an „Now is Now Tokyo” überzeugt, ist, dass kein einzelner Fotostil das Buch dominiert. Beim Blättern merkt man förmlich, wie unterschiedlich achtzehn Menschen dieselbe Stadt wahrnehmen. Genau das macht neugierig auf die Ecken Tokios, die in klassischen Reiseführern nicht vorkommen. Wer selbst gern mit der Kamera unterwegs ist oder eine Stadt lieber über Bilder als über Fließtext kennenlernt, findet hier eine Art visuellen Reiseplan*. Für die Ablage im Bücherregal zwischen zwei Reisen ist das genau richtig.
»Now is Now Tokyo: Street Photography«
Herausgeber/Fotograf: Lukasz Palka, erschienen bei teNeues
240 Seiten | € 60,00 [D] | ISBN 978-3-96171-740-8
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„Fühlt sich nach Leben an“ – Buchtipp: Zu Fuß durch Norwegen mit Max Baudrexl
Eine Wanderung, die aus einer Krise entsteht.
Beim Gleitschirmfliegen verunglückt die Frau von Max Baudrexl schwer. Während sie sich durch die Reha kämpft, macht er sich zu Fuß auf den Weg: von Süden bis weit in den Norden durch Norwegen. Gut 2.700 Kilometer in etwa vier Monaten. Die Norweger nennen diese Route „Norge på langs” und sie gehört zu den großen Weitwanderungen Skandinaviens.
Das Buch* folgt dieser Wanderung chronologisch, vom ersten Schritt im Süden bis zum Ziel weit oben im Norden, und verwebt dabei zwei Ebenen. Die eine ist die reine Landschaftserfahrung: endlose Herbstwälder, einsame Zeltnächte, ein einfach nicht enden wollender Regen. Die andere ist die persönliche, fast intime Ebene der Beweggründe, die Baudrexel auf diesen Weg gebracht haben. Genau in dieser Verbindung liegt die Stärke des Buchs. Es ist kein reiner Erlebnisbericht mit Kilometerangaben, sondern die Geschichte eines Mannes, der sich unterwegs neu sortiert.
Wer steckt hinter dem Buch?
Max Baudrexl, Jahrgang 1982, hat ursprünglich PR und Kommunikationsmanagement in Köln studiert und anschließend rund zehn Jahre in der Unternehmenskommunikation gearbeitet. 2016 wechselte er komplett die Richtung und wurde Filmemacher, spezialisiert auf Porträt-Dokumentationen. Seine Fähigkeit, genau hinzuschauen und Menschen erzählen zu lassen, kommt auch in diesem Buch zum Tragen, obwohl er sich hier selbst vor die Kamera stellt. 2023 nahm er sich eine Auszeit, um Norwegen durchqueren zu können – diese Reise wurde zur Grundlage dieses Buchs. Heute lebt er mit seiner Frau im Chiemgau.
Mein Fazit
Was mich an diesem Buch überzeugt, ist die Ehrlichkeit, mit der Baudrexel auch die weniger schönen Seiten einer solchen Tour zeigt. Es geht nicht nur um die befreiende Einsamkeit der Weite, sondern auch um den Regen, der einfach nicht aufhören will, und die Insekten, die einen an schlechten Tagen plagen. Genau diese Mischung aus großen Gesten und kleinen, unglamourösen Wahrheiten macht „Fühlt sich nach Leben an”* für mich glaubwürdig statt kitschig. Wer selbst schon einmal eine lange Strecke allein gegangen ist, wird sich in vielen Momenten wiederfinden. Und wer noch nie länger als ein Wochenende unterwegs war, bekommt hier einen ehrlichen Eindruck davon, was eine solche Auszeit tatsächlich bedeutet. Für alle, die von Skandinavien träumen oder gerade selbst den Mut suchen, den eigenen Weg zu gehen, ist dies die perfekte Lektüre.
»Fühlt sich nach Leben an: Zu Fuß der Länge nach durch Norwegen oder Vom Mut, den eigenen Weg zu gehen«
von Max Baudrexl, erschienen bei Malik (Piper Verlag)
304 Seiten | € 18,– [D] | ISBN 978-3-89029-617-3
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„Zwei in einem Leben“ – Buchtipp: David Nicholls‘ Roman vom Wandern
Zwei Menschen auf einem verregneten Wanderweg.
Marnie lebt zurückgezogen in London und kämpft gegen ihre Einsamkeit an. Michael hat gerade seine Ehe scheitern sehen und flüchtet sich in ausgedehnte Wanderungen, um dem Alltag zu entkommen. Ein gemeinsamer Bekannter und schlechtes Wetter bringen die beiden bei einer organisierten Wandergruppe zusammen. Aus einer eigentlich unfreiwilligen Begegnung wird der Ausgangspunkt für etwas Neues.
David Nicholls erzählt dies in gewohnt szenischer, dialoglastiger Manier mit viel britischem Wetter, britischem Humor und britischer Zurückhaltung. Der Roman* ist klar chronologisch aufgebaut und wechselt zwischen den beiden Perspektiven, sodass man beide Seiten der zaghaften Annäherung mitbekommt. Wer „Zwei an einem Tag” kennt, weiß, wie geschickt Nicholls seine Figuren über lange Strecken hinweg entwickeln kann, ohne dass es je behäbig wird.
Wer steckt hinter dem Buch?
David Nicholls gehört zu den bekanntesten britischen Gegenwartsautoren im Bereich der klugen, warmherzigen Beziehungsromane. „Zwei an einem Tag“ (im Original „One Day“) machte ihn international bekannt und wurde später auch als Netflix-Serie verfilmt. Diese Erfahrung mit Figuren, die über Jahre hinweg immer wieder aufeinandertreffen, ist auch in „Zwei in einem Leben” spürbar, nur ist hier die Zeitspanne kürzer und sind die Wanderwege sehr viel präsenter.
Mein Fazit
Was mich an diesem Roman überzeugt, ist, wie unaufgeregt er mit einem eigentlich großen Thema umgeht. Zwei Menschen, die beide gerade ziemlich am Boden sind, finden zueinander, ohne dass es kitschig oder erzwungen wirkt. Die Figuren sind fehlbar und gerade deshalb sympathisch, die Dialoge sind oft richtig komisch und das Ende bleibt angenehm undramatisch, ohne ins Melodramatische abzurutschen. Wer den großen emotionalen Paukenschlag von „Zwei an einem Tag” sucht, wird hier vielleicht etwas vermissen, denn „Zwei in einem Leben”* ist eher leise Wohlfühllektüre als große Liebesgeschichte.
Für alle, die gern in britische Landschaften eintauchen und Figuren mögen, die sich Zeit lassen dürfen, ist dies aber genau das richtige Buch für einen verregneten Wochenendnachmittag. Und gewandert wird zumindest im Buch auch jede Menge.
»Zwei in einem Leben«
von David Nicholls, erschienen im Fischer Verlag
448 Seiten | € 14,– [D] | ISBN 978-3-8105-0065-6
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„Homerun“ – Buchtipp: 80 Ultramarathons durch die Türkei mit Savas Coban
Savas Coban umrundet die Türkei zu Fuß, allein und ohne Begleitfahrzeug. 80 Tage lang läuft er täglich einen Ultramarathon, insgesamt kommen knapp 5.000 Kilometer zusammen, von Istanbul einmal rundherum und wieder zurück nach Istanbul. Was nach einem reinen Sportprojekt klingt, ist bei genauerem Hinsehen jedoch etwas anderes: eine Reise zu den eigenen Wurzeln, die Coban in „Homerun” Etappe für Etappe erzählt.
Coban wuchs als Kind türkischer Einwanderer in Bremen auf. In Deutschland ist er „der Türke”, in der Türkei nennt man Menschen wie ihn „Almancı”, den Deutschen. Nach dem verheerenden Erdbeben von 2023, bei dem seine Familie in der Türkei betroffen war, wächst in ihm der Wunsch, sein Herkunftsland auf eine neue Weise kennenzulernen. Entsprechend ist das Buch* in Etappen entlang der Laufroute aufgebaut und verbindet Passagen über Schmerz, Erschöpfung und Zweifel mit Begegnungen und Landschaftsporträts unterwegs. Ergänzt werden diese um Gespräche mit Fachleuten wie einem Physiotherapeuten und einem Mental-Coach.
Wer steckt hinter dem Buch?
Savas Coban, 1992 in Bremen geboren, ist ein deutscher Extremsportler mit türkischen Wurzeln. Seine Laufbahn als Extremsportler begann mit einer Fahrradtour von Hamburg nach Sevilla. Es folgte ein Lauf von München nach Istanbul und 2022 durchquerte er in 87 Tagen Peru über mehr als 5.000 Kilometer durch Wüste, den Regenwald und die Anden. Dieses Projekt wurde später als Kinodokumentation „Trail der Träume” verfilmt. Mit „Homerun”* kehrt er nun sportlich wie persönlich an den Ursprung seiner eigenen Familiengeschichte zurück.
Mein Fazit
Was mich an diesem Buch besonders anspricht, ist, dass es kein klassisches Sportbuch mit Trainingsplänen und Bestzeiten ist. Die stärksten Kapitel handeln nicht vom Laufen selbst, sondern von den Menschen, denen Coban unterwegs begegnet, sowie von der Frage, was Heimat bedeutet, wenn man zwischen zwei Kulturen aufwächst. Der Schreibstil ist direkt und schnörkellos, ohne unnötige Dramatik, dafür mit viel Offenheit für die eigenen schwachen Momente. Wer auf klassische Reisebeschreibungen mit viel Landeskunde hofft, bekommt davon anfangs vielleicht weniger als erwartet, da der Fokus stark auf dem körperlichen und mentalen Kampf liegt. Wer sich aber für Extremsport als Vehikel für eine größere persönliche Geschichte interessiert, findet hier eines der eindrücklichsten Laufbücher der letzten Zeit.
»Homerun: 80 Tage, 80 Ultra-Marathons. Mein Lauf durch die Türkei und zu meinen Wurzeln«
von Savas Coban, erschienen im Blickpunkt Verlag / EDEL Music & Entertainment
456 Seiten | € 23,– [D] | ISBN 978-3-912559-00-2
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„My Way – Ein Camino Reisefühler“ – Buchtipp für den Jakobsweg
„My Way“* ist, anders als der Titel zunächst vermuten lässt, kein klassischer Erlebnisbericht, sondern ein Reiseführer für den Jakobsweg mit Fokus auf praktischen Tipps und eigenen Fotografien. Jürgen Schmucker bündelt hier alles, was man auf dem Weg tatsächlich braucht. Hinweise zu Etappen, Unterkünften, Ausrüstung und dem organisatorischen Drumherum einer Pilgerreise, angereichert mit Bildern, die von seinen eigenen Camino-Erfahrungen stammen.
Ich bin den Camino Francés vor einigen Jahren selbst gegangen: fünf Wochen und rund 800 Kilometer durch Nordspanien, von den Pyrenäen über die endlose Weite der Meseta bis nach Santiago de Compostela. Wer sich auf diesen Weg vorbereitet, weiß, wie viele Fragen vorher auftauchen: von der richtigen Rucksackgröße bis zur Frage, wo kann man unterwegs schlafen, wie lang sollten die Etappen sein und wann legt man besser auch mal einen Ruhetag ein. Genau für diese Phase der Vorbereitung ist ein Buch wie dieses gedacht: kompakt und praxisnah.
Wer steckt hinter dem Buch?
Mit viel Humor und dennoch philosophischer Tiefe thematisiert Jürgen Schmucker das Loslassen alter Rollen, das Jungbleiben und Begegnungen mit Menschen aus aller Welt im Alltag. Die Kapitel sind spritzig geschrieben, sodass man sich nach jedem Tagestrip auf das nächste freut. Besonders schön ist, dass hier jemand aus eigener Camino-Erfahrung schreibt und diese in eine handfeste, bebilderte Praxishilfe für Nachahmer übersetzt hat. Erschienen ist „My Way”* im R. G. Fischer Verlag, der auf ein breites Programm unabhängiger Autorinnen und Autoren setzt.
Mein Fazit
Ein „Reisefühler“ (kein Rechtschreibfehler!) wie dieser lohnt sich für alle, die eine konkrete, bebilderte Vorbereitung suchen und keine große literarische Erzählung erwarten. Wer nach dem „Warum” eines Jakobswegs sucht, findet in anderen Büchern mehr religiösen Tiefgang. Wer wissen will, wie man diesen Weg tatsächlich organisiert, ist hier an der richtigen Adresse. Auf meinem eigenen Camino habe ich gelernt, dass am Ende weniger die perfekte Planung zählt als der Mut, überhaupt loszugehen. Aber ein bisschen Vorbereitung erspart einem unterwegs so manchen unnötigen „Blasenpflaster-Moment”.
»My Way – Ein Camino Reiseführer: Mit vielen praktischen Tipps und Fotos«
von Jürgen Schmucker, erschienen im R. G. Fischer Verlag
228 Seiten | € 18,90 [D] | ISBN 978-3-8301-1993-7
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„Die ultimativen Wanderwege in den Alpen“ – Wanderführer-Buchtipp
Für „Die ultimativen Wanderwege in den Alpen“* hat Michael Pröttel keine vollständige Alpenkartierung versucht, sondern bewusst eine persönliche Auswahl von fünfzig Touren getroffen, die er selbst für legendär hält. Dreißig davon werden ausführlich beschrieben und es gibt GPS-Tracks zum Download. Zwanzig weitere Touren werden als Kurzvorstellung präsentiert. Damit positioniert sich das Buch klar zwischen vollständigem Nachschlagewerk und kuratierter Empfehlungsliste.
Der große, gebundene Bildband im Format 27 x 23 cm signalisiert schon rein optisch, dass hier nicht nur nüchterne Wegbeschreibungen, sondern auch die fotografische Seite der Alpen im Vordergrund stehen. Wer Pröttels bisherige Wanderführer kennt, weiß, dass er Wert auf vor Ort recherchierte, verlässliche Angaben legt. Kein Buch also, das am Schreibtisch aus alten Quellen zusammengestellt wurde.
Wer steckt hinter dem Buch?
Michael Pröttel, Jahrgang 1965, ist Diplom-Geograph, Journalist und Fotograf. Er schreibt unter anderem für die Zeitschrift Bergsteiger. Er ist Vorsitzender von Mountain Wilderness Deutschland, einer Organisation für naturverträglichen Bergsport. Dies prägt seine Perspektive auf die Alpen. Mit mehr als 25 veröffentlichten Titeln, vor allem Wanderführern zu Tirol, den Bayerischen Alpen, dem Karwendel und dem Allgäu, gehört er zu den erfahrensten Autoren in diesem Bereich im deutschsprachigen Raum.
Mein Fazit
Was diesen Wanderführer für mich so interessant macht, ist die persönliche Handschrift. Anstelle eines anonymen Vollständigkeitsanspruchs erhält man hier die Sicht eines Autors, der die Alpen seit Jahrzehnten bereist und daraus eine bewusste Auswahl getroffen hat. Für alle, die schon einige Standardtouren der Alpen kennen und nach neuen, sorgfältig kuratierten Zielen suchen, ist das ein vielversprechender Ausgangspunkt. Wer dagegen einen möglichst vollständigen Überblick über eine bestimmte Region sucht, ist mit einem klassischen Regionalführer besser bedient. Die Kombination aus GPS-Tracks und Bildband-Optik macht das Buch* aber sowohl für die konkrete Tourenplanung als auch zum Schmökern auf dem Sofa attraktiv. Mein persönlicher Geheimtipp.
»Die ultimativen Wanderwege in den Alpen: 50 legendäre Touren«
von Michael Pröttel, erschienen im Bruckmann Verlag
224 Seiten | € 29,99 [D] | ISBN 978-3-7343-3147-3
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