Im Nationalpark Val Grande, dem größten europäischen Schutzgebiet ohne Besiedlung innerhalb seiner Grenzen.

Geheimnisvolle Wildnis – Unterwegs im Nationalpark Val Grande

AnzeigeWild, unberührt und geheimnisvoll – so wird der Nationalpark Val Grande seit seiner Gründung 1992 zurecht beschrieben. Als "letztes Paradies" sollte man unbedingt einen Abstecher in seine tiefen Wälder und auf die schroffen, felsigen Berge wagen. Ein Wanderbericht.

Inhalt

Die unbefestigte Straße wird immer schmaler und windet sich in steilen Serpentinen den Hang zum Val Grande hinauf. Dichte, tiefgrüne Wälder säumen die Piste und umgeben den kleinen Jeep, dessen Motor bei jeder Kurve kraftvoll aufheult. Hinter dem Fahrzeug wirbelt trockener Staub zu einer dunstigen Wolke auf und vernebelt die Sicht. Das Gefährt kämpft sich die Höhenmeter nach oben und bringt seine Insassen rumpelnd und quietschend an ihr Ziel. Auch mich.

Woher ich an diesem Morgen komme, kann ich nur noch erahnen. Mir ist schon lange die Sicht auf die Ufer des Lago Maggiore und den See verdeckt. Obwohl ich weiß, dass ich in Verbania gestartet bin, liegen die letzten Häuser schon seit Längerem hinter mir. Obwohl es nur wenige Kilometer sind, die den Ort am See von der unberührten Wildnis oberhalb trennen, fühlt es sich für mich doch so an, als würde ich eine ganz andere Welt besuchen. Als der Motor mit einem letzten Tuckern erstirbt, bin ich endlich am Ziel. Oder vielmehr am Anfang. Denn ab jetzt heißt es wandern.

Unterwegs im Nationalpark Val Grande

Am Eingang zum jüngsten Nationalpark Italiens, dem Val Grande, werde ich bereits von Ranger Manuel erwartet. Mit einem Lächeln im Gesicht begrüßt er mich zurückhaltend, aber herzlich und beginnt sogleich, vom letzten Paradies und seiner stillen Wildnis zu schwärmen. Er erzählt mir von der einzigartigen Tierwelt, den undurchdringlichen Wäldern und einem Novum, das wohl kaum ein anderer Naturpark Europas sein Eigen nennen dürfte: ein vom Menschen unbewohnter Lebensraum. Innerhalb der Grenzen des Val Grande gibt es nämlich keinerlei Besiedlung mehr. Die letzten Almen und Dörfer wurden im Zweiten Weltkrieg verlassen und sind seitdem dem Zerfall preisgegeben. Wer sich also in die Wälder dieses Schutzgebiets begibt, begibt sich in eine inzwischen ursprüngliche Wildnis.

Nach dieser kleinen Einführung lotst Manuel mich hinauf zur Alpe Ompio, einer kleinen Almhütte nebst eigener Kapelle. Die ehemalige Alpweide, die im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört wurde, verdankt ihren zweiten Frühling dem italienischen Roten Kreuz und 18 eifrigen Helfern, die der Ruine von 1946 bis 1948 neues Leben einhauchten. Wo zuvor Schafe und Kühe weideten und später Käse-, Fleisch- und Milchprodukte gewonnen wurden, kann man heute vorzüglich speisen und in einsamster Wildnis übernachten.

Wanderung zum Monte Faiè im Val Grande

Entlang eines kleinen Baches, der leise plätschernd seinen Weg ins Tal und in Richtung Lago Maggiore sucht, führt mich Manuel in entgegengesetzte Richtung den steilen Hang hinauf. Gemächlichen Schrittes wandern wir durch den dichten Wald, in dessen Baumwipfeln unzählige Vögel Zuflucht finden. Auch der Goldadler ist hier wieder heimisch geworden und bereichert neben Steinbock und Wolf die wilde Natur des Val Grande.

An der darauffolgenden Weggabelung machen wir kurz Rast und beschließen, dem Trampelpfad hinauf zum Monte Faiè zu folgen. Er verläuft steil und schmal und führt in Serpentinen immer weiter den Berg hinauf. Nur kurz gibt der dichte Mischwald den Blick auf den Lago im Süden und die noch höheren Berge im Osten frei. Je weiter wir wandern, desto klarer und kühler wird die Luft.

Zwischenstopp an der Alpe Casarecce

Wenig später stoßen wir auf eine kleine Almsiedlung. Die niedrig gebauten Steinhäuser wirken zwar instand, aber wenig einladend. Aus einem der Gebäude tritt ein alter Mann mit schlohweißem Haar und gebückter Körperhaltung. Überrascht blickt er uns an und beginnt zu lachen, als er begreift, dass wir nur harmlose Wanderer sind. Er lädt uns ein, öffnet unter Knarzen die alte, rostige Tür, und schon wenig später stehen wir in einem kargen, aber durchaus gemütlichen Refugium ohne Strom und fließend Wasser. Nie hätte ich gedacht, dass diese Hütten noch bewohnbar sind.

Es ist stickig in dem kleinen Raum, in dem nur ein schmales Bett und ein paar Regale an den Wänden Platz finden. In diesen ist nur das Nötigste untergebracht: Teller, Tassen, Pullover, Strümpfe, zwei Bücher und eine alte Pfanne. Die Kochstelle ist voller Ruß, und es riecht muffig, ähnlich wie in feuchten Kellern, obwohl das einzige Fenster, das nur spärlich Licht in den Raum lässt, weit offensteht. Vereinzelt werden solche Hütten zwar noch als Basis für Wanderungen oder Tierbeobachtungen genutzt, wie der Alte berichtet. Meist stehen sie aber leer. Dass sich an dieser Stelle einmal eine ganze Almwirtschaft befunden haben soll, ist nur noch mit viel Fantasie erkennbar. Dafür lohnt sich die Aussicht auf die nördlichen Berge direkt vor der Tür, die die Strapazen des Aufstiegs vergessen lässt. Für einen Moment genießen wir gemeinsam die Stille der Wildnis.

Cromlech del Monte Faiè

Von der Alpe Casarecce aus führt die Wanderung recht gemütlich in nördlicher Richtung um den Monte Faiè herum. Etwas unterhalb des Gipfels bietet sich eine ideale Stelle für eine erneute Rast. Tief im Boden versackte Steine, um die sich eine Handvoll Buchen kreisförmig dem Licht entgegenstrecken, lassen vermuten, dass es sich hierbei um die Überreste einer keltischen Siedlung handelt. Die historischen Wurzeln reichen weit zurück. Auch an der Alpe Prà, die sich oberhalb von Cicogna im östlichen Teil des Val Grande befindet, lassen sich historische Relikte finden. Die dort gefundenen Felsbilder werden sogar noch früher datiert.

Heute findet man am Fuße des Monte Faiè nur noch vereinzelt Relikte, nämlich ein leerstehendes Gebäude kurz vor dem Einsturz und einen wunderbaren Ausblick in die Bergwelt der italienischen Alpen am Lago Maggiore. Manuel und ich lassen uns nieder und genießen die Stille des Ortes. Selbst die Geräusche aus dem Tal, an die wir anderswo gewöhnt sind, dringen nicht bis hierher hinauf. Es ist still und einsam in dieser Wildnis. Die perfekte Zuflucht für Ruhesuchende wie mich.

Der letzte Eremit des Val Grande

Während ich meine Blicke über die fantastische Bergwelt schweifen lasse, beginnt Manuel, mir eine Geschichte zu erzählen, die schwer zu glauben ist. Demnach soll ein erfolgreicher Unternehmer aus Liebe zur Natur beschlossen haben, der Gesellschaft zu entfliehen. Zu Beginn des neuen Jahrtausends suchte er die Einsamkeit des Val Grande mit seinen tiefen Schluchten und Wäldern auf, um fortan als Einsiedler mit und von der Natur zu leben. Er aß und trank, was der Wald hergab, und hielt sich meist versteckt. So soll er viele Jahre gelebt und sich nur denen gezeigt haben, die er für würdig befand. Die Rede ist von Gianfry, auch Gian genannt, dem vermutlich letzten Eremiten des Val Grande.

So unglaublich diese Geschichte auch klingen mag, ihr tragisches Ende macht sie für mich glaubhaft. Nackt, ausgemergelt, alt und von der Wildnis gezeichnet, in der er weit mehr als ein Jahrzehnt verbracht hatte, wurde seine Leiche im Jahr 2016 an einem kleinen Bachlauf gefunden. Die Autopsie ergab, dass er sich unbeabsichtigt vergiftet hatte. In den kleinen Hütten, in die er immer wieder einbrach, wenn er hungerte und die natürlichen Ressourcen nichts mehr hergaben, bewahren Jäger und Fallensteller ihre Utensilien und Werkzeuge auf. Unter anderem auch Strychnin, das vornehmlich zum Töten von Mardern und Füchsen genutzt wird und schon in geringer Dosis lebensgefährlich ist. Ein Drama in der Bergwelt des Val Grande.

Auf den Gipfel des Monte Faiè

Was bleibt von einem Leben, wenn es zu Ende gelebt wurde, und was bedeutet das für das Leben der Hinterbliebenen? Erinnerungen. Und Geschichten wie diese. Noch in Gedanken versunken, führt mich Manuel die letzten Meter hinauf auf den Gipfel des Monte Faiè. Mit seinen 1.352 Metern ist er zwar kein alpines Schwergewicht, bietet aber ebenfalls einen wunderbaren Ausblick, den man sich keinesfalls entgehen lassen sollte. Mit Blick auf den Lago Mergozzo, den Lago d’Orta und natürlich den Lago Maggiore hängen wir noch eine Weile unseren Gedanken nach. Dann heißt es, sich auf den Rückweg zu machen und Abschied zu nehmen.

Mit dieser Wanderung gehen für mich die letzten Tage am Borromäischen Golf und damit im Norden Italiens langsam aber sicher zu Ende. Ich genieße den Ausblick noch ein Weilchen, dann treibt mich Manuel weiter. Schließlich liegt der Rückweg noch vor uns und der Tag neigt sich bereits dem Ende zu. Abschließend sei nur so viel gesagt: Wer auch immer den Weg nach Baveno und an den Lago Maggiore findet, sollte nicht nur im See baden und auf der Piazza kalten Rosé trinken. Gerade die Bergwelt lohnt einen ausgedehnten Besuch.


Weitere Infos zum Nationalpark Val Grande lassen sich hier finden.


Hinweis in eigener Sache (Disclaimer)
Meine hier beschriebenen Eindrücke durfte ich im Rahmen einer Pressereise sammeln, eingeladen und veranstaltet von Maggioni Tourist Marketing. Dabei sind mir Anreise, Unterkünfte und Verpflegung zur Verfügung gestellt worden, wofür ich mich recht herzlich bedanken möchte. Auf meine abschließende Meinung oder redaktionelle Freiheit wurde keinerlei Einfluss genommen. Diese entspricht ausschließlich meiner persönlichen Sicht.

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