Für mich gehören Wandern und Staunen genauso zusammen wie Schuhe und Socken. Kaum irgendwo gelingt das so mühelos wie im Gesäuse. Diese Region in der Steiermark, rund um den Nationalpark Gesäuse, besucht man einmal – und denkt immer wieder daran zurück. Zerklüftete Berge, tiefe Wälder, eine Landschaft, die wie für Wanderer gemacht zu sein scheint. Mittendrin liegt St. Gallen. Ein kleiner, feiner Ort, der heute mein Ausgangspunkt ist. Auf dem Programm stehen die Teufelskirche und die Spitzenbachklamm. Klingt das nach Abenteuer? Ist es auch. Los geht’s!

In St. Gallen in der Steiermark trifft Geschichte auf Fels
Bevor ich meine heutige Wanderung beginne, verweile ich ein wenig in St. Gallen und schaue mich um. Hoch über dem Ort thront die Burg Gallenstein auf einem steilen Felsvorsprung. Selbst im Ort kann man nicht anders, als immer wieder hinaufzusehen. Die dreitürmige Festung war einst der Mittelpunkt der Herrschaft Gallenstein und bis Ende des 19. Jahrhunderts Fluchtburg und Verwaltungssitz des im Jahr 1074 gegründeten Stifts Admont. Wer also in St. Gallen wohnt, lebt buchstäblich im Schatten des Mittelalters.
Und das in bester Nachbarschaft! Denn rund um die Ortsmitte stehen alte Herrenhäuser aus der Renaissance, die einst im Besitz der Betreiber der Hammerwerke waren. Eisenverarbeitung, Flößerei, Salzgewinnung – beim Schlendern durch den Ort lässt sich die Geschichte der Region nachempfinden. Dabei liegt St. Gallen liegt im Tal des Großen Billbachs und wird im Süden von der zum Gesäuse gehörenden Berggruppe des Buchsteins begrenzt. Kurz gesagt: Hier ist man mitten im Herzen der steirischen Bergwelt. Das Gesäuse liefert die Kulisse, St. Gallen den Startpunkt. Von hier aus führt mein Weg nun hinauf zur Teufelskirche.
Der Einstieg in meine heutige Tour ist unspektakulär: Asphalt, Häuser und ein paar Bauernhöfe. Da an den Häusern aber bereits Frühjahrsblüher in den schönsten Farben leuchten, wird der Gang durch den Ort zu einem bunten Eldorado. Nach wenigen Minuten wird es dann aber wirklich grüner und ruhiger. Der Wald schließt sich. Die Geräusche des Ortes fallen ab wie ein Rucksack, den man absetzt.


Ich wandere entlang des Wegs Nr. 12 zum Simandlboden und von dort weiter den Hang hinauf. Der Anstieg ist anspruchsvoll, aber gut zu bewältigen. Forststraßen wechseln sich mit schmalen Pfaden ab, und die Höhenmeter summieren sich fast wie nebenbei. Ich finde meinen Rhythmus, auch wenn meine Oberschenkel protestieren. Eigentlich wollte ich es heute ruhig angehen lassen, doch nun stapfe ich schon wieder die Berge hinauf. Aber so ist das eben. Wenn du etwas erleben willst, musst du dich vorwärts bewegen. Das Ganze ist kein Sonntagsspaziergang, aber auch kein Gipfelsturm. Irgendwas dazwischen. Also dann scheinbar doch irgendwie genau richtig.
Aufstieg zur Teufelskirche und ihrer Sage
Nach etwa eineinhalb Stunden und einem letzten, steilen Abschnitt erreiche ich die Höhle. Ich muss zugeben, dass mich dieser Ort dann doch mehr packt als erwartet. Die Teufelskirche von St. Gallen ist eine etwa 900 Meter über dem Ort gelegene Bergkuppe. Was hier im Fels entstand – oder besser: was die Natur schuf – ist wirklich beeindruckend. Eine gewaltige Höhle, kirchenschiffgroß, umstanden von wildem Wald. Still. Kühl. Ein wenig unheimlich. Aber auf die gute Art.

Natürlich gibt es auch eine Sage dazu. Demnach lebte auf dem Berg einst ein Einsiedler, der im Geheimen gottlos und lasterhaft war. Nachts kamen junge Burschen und Mägde zu ihm. Sie tranken, spielten, tanzten und sprachen gotteslästerlich. Selbst an Karfreitag, dem heiligsten Tag des Jahres, feierten sie maßlos. Bis es zu spät war. Der Berg bebte, Flammen schlugen aus seinem Inneren und ein scheußlicher Schwefelgestank stieg auf. Der Höllenfürst selbst erschien und entführte die ganze liederliche Gesellschaft in sein unterirdisches Reich. Seither heißt der Berg mit der unheimlichen Höhle „Teufelskirche“.
Man muss keine Sagen glauben, um diesen Namen zu verstehen. Die Atmosphäre dort zwingt förmlich zum Innehalten. Ich setze mich auf die Rastbank, lasse den Ort auf mich wirken, esse mein Brot und blicke gedankenverloren in die dunkle Öffnung des Felsens. Dann steige ich ab in Richtung Spitzenbachklamm.



Abstieg durch die Spitzenbachklamm ins Tal der Schmetterlinge
Vom Eitelgraben aus folge ich dem Weg weiter hinein in die Spitzenbachklamm und dann auf dem Wanderweg Nr. 637 zurück in Richtung St. Gallen. Spätestens hier versteht man, warum diese Runde ins Gesäuse lockt. Die Klamm wird nämlich auch „Tal der Schmetterlinge“ genannt. In diesem Naturjuwel sollen etwa 450 verschiedene Schmetterlingsarten leben. An schwülen Tagen können ganze Schwärme die Klamm füllen. Ich gehe langsamer. Nicht, weil der Weg es verlangt, sondern weil ich nichts verpassen möchte. Auch wenn die Klamm breit und weitläufig ist, ist sie an warmen Sommertagen doch grün und feucht. Und einfach nur dramatisch schön. Hohe Felswände ragen empor, dazwischen rauscht und gurgelt der Spitzenbach und bahnt sich seinen Weg. An manchen Stellen stürzen kleine Wasserfälle in die Schlucht. Alles wirkt ein wenig entrückt.
Seit 1971 wird der höchsten Schutzstatus in der Steiermark der Spitzenbachklamm als Naturdenkmal gewährt. Im Frühsommer ist sie ein Eldorado für Botaniker und Geologen. Auch wenn ich weder das eine noch das andere bin, verstehe ich doch, was das Besondere an diesem Tal ist. Zitronenfalter und Trauermantel überwintern in Felsritzen und -spalten und zählen zu den ersten Schmetterlingen, die sich nach der Schneeschmelze wieder ins Freie wagen. An diesem Tag sehe ich ein Paar, das träge durch den schattigen Abschnitt taumelt. Ich bleibe stehen. Ich schaue zu. Das ist das Beste am Wandern. Zeit für genau solche Momente.



Ohne vorherige Recherche hätte ich allerdings nicht gewusst, dass in der Spitzenbachklamm außerdem 18 Orchideenarten nachgewiesen wurden. Jetzt schaue ich genauer hin. Und tatsächlich: Am Wegesrand blüht und leuchtet es hin und wieder im Licht der hochstehenden Sonne. Diese Klamm ist keine schnöde Schlucht. Sie ist ein Naturarchiv. Gut zwei Kilometer folge ich dem Bach, dem Rauschen und dem Licht, das zwischen den Felsen hindurchbricht. Dann weitet sich die Klamm, der Wald wird lichter und vor mir liegt das Ende – oder auch der Anfang –: St. Gallen.
Eine Wanderung im Gesäuse, die sich ganz besonders lohnt!
Nach mancher Tour frage ich mich schon einmal: War das alles? Hier lautet die Antwort: Nein. Die rund 12 Kilometer und am Ende doch über fünf Stunden Gehzeit mit Pausen entpuppen sich als solide und machbare Wanderung in den Bergen. Auch wenn die Klamm dem Namen nach keine echte ist, ist sie anmutig und atmosphärisch schön. Die Höllentalklamm oder die Klamm am Grünten im Allgäu sind zum Beispiel wilde, schmale Schluchten und ganz anders als diese.
Daher mein Fazit: Die Tour ist zwar nichts für gestandene Alpinisten, die auf der Suche nach Extremen sind. Aber auch nichts für Leute, die ihre Wanderschuhe lieber im Schrank lassen. Denn diese Runde ist abwechslungsreiches Wandern in Reinstform: mit Geschichte, mit Natur und mit dem Gefühl, am Ende des Tages wirklich dagewesen zu sein. Wer das Gesäuse also noch nicht kennt, hat hier einen sehr guten Grund, das zu ändern.


Tipps & Informationen
ANREISE
↠ Am besten fährt man mit dem Bus der Linie 910 des ÖPNV bis zur Haltestelle „St. Gallen, Hauptplatz”. Der Bus fährt von Admont aus zu Zeiten, die sich fürs Wandern lohnen, und dauert die Fahrt ca. 30 Minuten.
↠ Im Ortszentrum von St. Gallen gibt es einen kleinen öffentlichen Parkplatz in der Nähe der Haltestelle. Meines Wissens nach ist dieser jedoch gebührenpflichtig.
AUSRÜSTUNG
Für diese Wanderung ist keine besondere Ausrüstung erforderlich. Für die erste Hälfte der Wanderung, die vornehmlich über ansteigende Waldpfade führt, ist festes Schuhwerk jedoch anzuraten.
WEGEQUALITÄT
In Ortsnähe ist die Strecke asphaltiert, im Wald geht es auf Waldpfaden über Stock und Stein. Später führt die Route durch die Spitzenbachklamm auf zumeist geschotterten Forstwegen.
UNTERKUNFT
Sehr zu empfehlen ist das Xeis NeSt im Admonter Ortsteil Weng im Gesäuse. Es liegt ca. 10 Minuten mit dem Auto oder dem Bus 910 von Admont entfernt. Die Zimmer sind geräumig und stilvoll mit Möbeln aus Echtholz eingerichtet. Ich habe selten so gut geschlafen. Ein toller Pluspunkt ist der Gemeinschaftsraum mit Küche, in dem man sich auch Speisen selbst zubereiten kann.
ESSEN & TRINKEN
Da es sich um eine Tageswanderung handelt, ist es empfehlenswert, vor allem im Sommer, Essen und Trinken dabeizuhaben.
↠ Zur Einkehr am Ende der Wanderung wäre der Gasthof Hensle am nördlichen Ende des Marktplatz zu empfehlen.
BESONDERER TIPP!
Ruhig ein paar Brote einpacken und wie im Text beschrieben an der Teufelskirche eine kleine Rast machen, um sich dort zu stärken, bevor es weitergeht. Der Ort ist wirklich etwas Besonderes und strahlt, nicht zuletzt dank der Sage, die auch auf einer Tafel vor Ort nachzulesen ist, eine wunderbar unheimliche Atmosphäre aus.
WEITERE INFORMATIONEN…
… gibt es auf der übersichtlichen Webseite des Tourismusverbands Nationalpark Gesäuse. Der Verband betreibt in der Admonter Innenstadt auch eine Tourist-Info, die für mich im Vorfeld die erste Anlaufstelle war. Hier gibt es Kataloge und Faltblätter mit vielen Informationen rund ums Gesäuse sowie persönliche Beratung während der Öffnungszeiten. Auch bei der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten kann man hier Hilfe erhalten.
Wanderkarte
12 km
520/490 m
3,5 h
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