
Von Gstatterboden in den Nationalpark Gesäuse
In weiter Kurve schiebt sich das Wasser der Enns durch hoch aufragende Berge, deren Gipfel noch schneebedeckt sind. Ein Eisvogel schießt tief übers smaragdgrüne Wasser und jagt Insekten für seine Brut. An manchen Stellen ragen die Äste der Uferbäume so weit übers Wasser, als wollten die Blätter ihr zartes Grün noch heller waschen. Hoch über dem Tal ahnt die Ennstaler Hütte, die den Namen des Flusses trägt, nichts vom frühlingshaften Treiben unter ihr. Die kleinen Schneereste, die vereinzelt noch auf ihren Zuwegen liegen, tauen in der Frühlingssonne, die schon jetzt am Vormittag ordentlich wärmt.
Mein heutiges Ziel liegt vom Ausgangspunkt meiner Wanderung genau drei Stunden entfernt. Los geht es im kleinen Weiler Gstatterboden, einer Ansammlung von wenigen Häusern und einem Bauernhof. Direkt dahinter, nur ein paar Wegminuten vom Bahnhof entfernt, führt der Weg steil bergan. Von der etwas oberhalb des Ortes gelegenen Hubertuskapelle genieße ich einen letzten Blick ins Tal der Enns, bevor dichter Wald die Sicht verschluckt.


Auf schmalen Pfaden durch den Nationalpark Gesäuse
Im Wechsel von Wiesen und Wald, über Wurzeln und auf schmalen Trampelpfaden steigt der Weg stetig an. Ein leichter Wind bringt die Baumkronen zum Rauschen. Insekten umschwirren die ersten zaghaften Blüten auf einer Weide, die sich nach einem kurzen, aber kalten Winter zurück ans Licht trauen. Der Frühling hat im Nationalpark Gesäuse Einzug gehalten. Und mit ihm die ersten Wanderer der Saison, die genau wie ich diese Ruhe und Abgeschiedenheit suchen.
Nach dem letzten Wegweiser, der die Wahl zwischen Ost- und Südweg lässt, wird es ernst. Dieses Gebirge kennt nämlich nur zwei Richtungen: bergauf und bergab. Zudem wollen auf dieser Wanderung über 900 Höhenmeter bezwungen werden, egal für welchen Weg man sich entscheidet. Ich wähle den Südweg. Er scheint etwas kürzer zu sein. Ohnehin wandere ich lieber steil bergan als bergab.

Auf der Ennstaler Hütte – Seit 140 Jahren auf dem Berg
Mit jedem Höhenmeter wird es ruhiger um mich. Das Rauschen der Bäume schallt sacht von den umliegenden Berghängen zurück und klingt dabei fast wie Meeresrauschen. Gerade als ich zwischen Rast und Weitergehen hadere, erreiche ich den Gratweg. Der Wegweiser zeigt noch zehn Minuten bis zur Hütte und nimmt mir die Entscheidung ab. Zehn Minuten. Die schaffe ich auch noch. Zumal sie laut Karte auf gleicher Höhe bleiben.
Hinter windgebeugten Kiefern eröffnet sich plötzlich ein Panorama, das mich innehalten lässt. Nach Norden und Süden fallen die Berge ab und bieten spektakuläre Ausblicke ins Gesäuse. Direkt vor mir, auf einer kleinen Anhöhe und damit über 1.500 Meter hoch, steht mein heutiges Tagesziel. Verführerisch leuchtet es in der Sonne.
Bereits im Jahre 1885 erbaut, trotzt die Ennstaler Hütte seit nunmehr 140 Jahren den Jahreszeiten im Gesäuse und lädt mit dem Ausblick von ihrer hölzernen Terrasse zur Einkehr ein. Da ich auch hier, wie auf dem gesamten Weg, allein bin, breite ich mich genüsslich auf einer der Bänke aus. Wie fast alle Hütten im Gesäuse ist auch sie während der Vorsaison noch geschlossen. Der seichte Wind, der schon nach trockenem Sommer schmeckt, streicht beruhigend über die Haut. Irgendwann fallen mir die Augen zu und nicke ich ein.



Abstieg zur Kroisn Alm und zurück nach Gstatterboden
Wenig später werde ich von Stimmen geweckt. Ein junges Pärchen gesellt sich zu mir. Auch sie genießen Aussicht und Einsamkeit. Sie sind die einzigen, denen ich bisher auf meiner Wanderung begegnet bin. Wer weiß, wie lange ich wohl geschlafen hätte, wenn sie nicht hier herauf gekommen wären?
Der Abstieg über den Ostweg ist deutlich entspannter. In leichtem Gefälle, vorbei an umgefallenen Bäumen, führt der Weg Schritt für Schritt hinab. Lichte Wälder mit vom Sturm gebeugten Kiefern wechseln sich auch hier mit weiten Wiesen ab. Nach einer Alm-Weggabelung verläuft der Weg entlang einer Forststraße und führt mich ins Tal zu einer wunderschönen Alm.
Diese liegt idyllisch und ruhig, vor allem aber einladend zwischen den Berghängen. An einem ausgeschabten Stamm plätschert das Wasser und steht im Schatten daneben eine Kiste mit Getränken. Auch diese Hütte ist so früh in der Saison noch nicht geöffnet. Aber die Kiste wirkt frisch aufgefüllt und gönne ich mir ein kühles Getränk. Bezahlt wird in einer Kasse des Vertrauens.





Luchse im Gesäuse – Eine Fotoausstellung zum Abschluss
Mittlerweile ist es später Nachmittag und senkt sich die Sonne schon wieder gen Horizont. Der weitere Weg von der Kroisn Alm trifft kurz darauf auf den Hinweg, und über die kleine Kapelle gelange ich zurück an den Anfang. Dort wartet eine kleine Überraschung auf mich, die ich auf dem Hinweg überhaupt nicht wahrgenommen habe. In einer ehemaligen Scheune, die heute zu den Gebäuden des Pavillons der Nationalpark-Verwaltung gehört, hat der Fotograf Julius Kramer eine kleine Ausstellung eingerichtet. Dessen Leidenschaft gilt den Luchsen, von denen mittlerweile wieder 30 Paare im Gesäuse heimisch sind. Er hat die scheuen Tiere in ihren Lebensräumen beobachtet, und einige seiner Bilder sind hier kostenlos zu bestaunen. Ein gelungener Abschluss einer wirklich schönen Bergwanderung, die mit ihren über 900 Höhenmetern aber auch so ein klein bisschen was abverlangt.


Tipps & Informationen
ANREISE
↠ Mit der Bahn R58 bis zur Haltestelle Gstatterboden Bahnhof.
↠ Mit dem Bus der Linie 912 bis zur Haltestelle Gstatterboden Bahnhof.
↠ Das Auto kann man auf dem Parkplatz Ennstaler Hütte stehen lassen. Da dieser aber nur sehr klein ist, empfiehlt sich die Anreise mit dem ÖPNV.
AUSRÜSTUNG
Wichtig ist Trittsicherheit. Außerdem sollte man festes Schuhwerk tragen. Am besten sind knöchelhohe Berg- oder Wanderstiefel. Die Wege sind stellenweise sehr wurzelig, weshalb eine erhöhte Stolpergefahr besteht. Da es ein kleines Stück auf dem Kamm entlanggeht, ist Schwindelfreiheit von Vorteil.
WEGEQUALITÄT
Es geht vornehmlich über Forstwege und schmale Trampelpfade. Es gibt nur wenig Geröll oder Steine. Asphalt bzw. Straße gibt es nur am Anfang und Ende der Wanderung.
UNTERKUNFT
Sehr zu empfehlen ist das Xeis NeSt im Admonter Ortsteil Weng im Gesäuse. Es liegt ca. 10 Minuten mit dem Auto oder dem Bus 910 von Admont entfernt. Die Zimmer sind geräumig und stilvoll mit Möbeln aus Echtholz eingerichtet. Ich habe selten so gut geschlafen. Ein toller Pluspunkt ist der Gemeinschaftsraum mit Küche, in dem man sich auch Speisen selbst zubereiten kann.
ESSEN & TRINKEN
Da es sich um eine Tageswanderung handelt, ist es empfehlenswert, Essen und vor allem im Sommer ausreichend Getränke dabeizuhaben.
↠ Unterwegs kann man, sofern geöffnet, auf der Ennstaler Hütte einkehren. Sie befindet sich fast genau auf halber Strecke. Da sie aber nur in der Saison geöffnet ist, empfiehlt es sich, vorab einen Blick auf die Webseite zu werfen, um die Öffnungszeiten zu überprüfen.
↠ Auch die Kroisn Alm eignet sich für eine längere Rast und Einkehr. Da sie aber nicht weit von Gstatterboden entfernt und gerade bei Familien ein beliebtes Ausflugsziel ist, kann es gerade an Wochenenden dort sehr voll werden.
!— BESONDERER TIPP —!
Wenn man in Gstatterboden zurück ist, sollte man unbedingt einen Blick auf die Gebäude des Nationalpark Pavillons werfen. Wie im Text beschrieben, finden in der ehemaligen Scheune von Mai bis Oktober wechselnde Ausstellungen statt.
Wanderkarte
15,2 km
980/940 m
5 h
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