80km deutsche Geschichte (3|3)

Ziel des mittelalterlichen Jakobswegs ist die ehemalige Hansestadt Tangermünde. Historisches tut sich auf und lässt staunen…

Inhalt

Zurück an die Elbe und weiter den dritten Tag in Folge auf dem mittelalterlichen Jakobsweg erreiche ich nach wenigen Kilometern das kleine Städtchen Arneburg. Das sagte mir bisher so rein gar nichts und wer nicht aus Versehen hier mal vorbei kommt, dem wird es ebenfalls nichts sagen. Aber ich war hier und kann berichten, dass selbst Kaiser Otto III. sich im Jahre 997 an diesem beschaulichen Ort aufhielt. Soviel zur einstigen Bedeutung. Und reichlich tausend Jahre später nun meine Wenigkeit. Großartig!

Hohenberg-Krusemark – Arneburg – Tangermünde (24km)

Erstmals urkundlich erwähnt wurde Arneburg, dessen Name vermutlich von Adlerburg abgeleitet wurde, im Jahre 981 nach Christus und gehört zu den ältesten Ansiedlungen der Altmark. Auf einem Felsvorsprung hoch über der Elbe wurde 977 ein Benediktinerkloster gegründet, welches kurz nach Otto’s Aufwartung von den Slawen wieder zerstört wurde. War wohl kein so gewinnbringender Besuch des einstigen deutschen Kaisers. Zumindest nicht für Arneburg.

Aber damit fand die Stadtgeschichte noch nicht ihr Ende und ihren Höhepunkt schon gar nicht. Denn der kam erstmals 1463 mit Friedrich dem Jüngeren, der hier des Öfteren verweilte und auch verstarb, genauso wie Johann Cicero von Brandenburg, der hier 1499 ebenfalls verstarb und begraben liegt. Zusammenfassend kann man also sagen: Arneburg sehen und sterben. Denn nach dem Dreißigjährigen Krieg verfiel der Ort mehr und mehr, so dass heute nur noch die romanische Stadtkirche St. Georg (um 1200) und die Reste der einstigen Burganlage von damaliger Größe zeugen.

Auf dem mittelalterlichen Jakobsweg nach Tangermünde

Weiter geht es über Billberge, Storkau und Hämerten in die weitläufige Auenlandschaft Tangermündes. Schon von weitem protzt der gewaltige Kirchbau St. Stephan, doch noch wollen die letzten Kilometer bei schneidenden Winden und bewölktem Himmel zurückgelegt werden.

In der Vorstadt Tangermündes angekommen, beginnt es mich zu gruseln. Wer ist denn bitteschön auf die Idee gekommen, einen Wanderweg – einen Jakobsweg noch dazu – mitten durch diese Brache an Siedlung zu führen? Rechts und links der stark befahrenen Landstraße kuscheln sich die Industrie- und Fabrikhallen mit einer Dringlichkeit an den Weg, als ob es das normalste der Welt wäre, den Wanderer – oder in manchem Falle auch den Pilger – mit lautstarkem Getöse und bestialischem Gestank einzunebeln. Ich meine, da wandert man tagelang durch kleine Dörfer, idyllische Auen und weite Felder, hört Frösche quaken, Vögel zwitschern und Grillen zirpen, nur um am Ende der Reise diese Zivilisationsmüllhalde um die Sinne geschlagen zu bekommen. Fragwürdig. Da hilft nur Augen zu und durch!

Nach dem Schrecken der Vorstadt: die mittelalterliche Altstadt

Dahinter beginnt dann das wahre Tangermünde: die Altstadt. Ursprünglich als Verteidigungssystem gegen die Slawen errichtet, fungiert die Burg bereits seit über 1.000 Jahren als Bollwerk gegen Feinde jeglicher Art. Und das sieht man der liebevoll restaurierten Anlage auch an. Groß und gewaltig thront sie über dem Ort, wurde sie doch unter Kaiser Karl IV. zur Nebenresidenz des Hradschin in Prag auserkoren. Der erwarb nämlich die Mark Brandenburg einfach mal so und vereinte sie mit dem Königreich Böhmen.

Tangermündes Geschichte bewegt: Einst Kaiserpfalz, dann Hansestadt, mehrmals fast abgebrannt und schließlich noch die Pest. Der Tangermünder rappelte sich immer wieder hoch. Respekt!

Unter Kurfürst Johann Cicero (genau dem, der in Arneburg begraben liegt) gewann die kleine Stadt immer mehr an Einfluss und Größe, so dass dieser sich gezwungen sah, ihr die Selbständigkeit wieder abzuerkennen und eine andere Stadt zur Residenzstadt zu machen. Und diese andere Stadt war Cölln an der Spree, heute besser bekannt als Berlin. Irgendwie hatte dieser Ort schon immer etwas Anziehendes. Nicht nur auf die hippe Jugend der Moderne.

Bummel durch Tangermünde

Desweiteren trumpft Tangermünde mit der St. Stephanskirche auf, deren romanischer Vorgängerbau 1188 fertig gestellt und im frühen 15. Jh. zur gotischen Hallenkirche umgebaut wurde. Neben den üblichen Besichtigungsobjekten einer Kirche ist in dieser zusätzlich noch eine große und sehr alte Jakobsfigur aus Holz anzutreffen. Erstes Indiz – neben diversen Malereien in den vorhergehenden Städten – auf einen frühen Pilgerkult nach Santiago. Denn diese ähnelt den Figurinen und Malereien auf dem Camino Frances mehr als eindeutig.

Wie ging es weiter mit Tangermünde, nachdem Johann Cicero verschied? Nun, es gab 1617 noch einen Stadtbrand, der zwei Drittel der Stadt vernichtete und an dem die Hexe Grete Minde schuld gewesen sein soll, den obligatorischen Dreißigjährigen Krieg und ganz neu: die Pest. Die wütete 1682 und forderte über 1.000 Tote. Trotzdem schafften es die emsigen Bürger noch schnell ein Rathaus hinzuzimmern, das seinesgleichen europaweit sucht. Das Juwel der norddeutschen Backsteingotik ist allemal einen zweiten und dritten Blick wert, genauso wie die noch fast komplett erhaltene Stadtmauer, die den liebevoll restaurierten Stadtkern umgibt.

Insofern ist Tangermünde heute zwar dank direkter Lage an der Elbe vornehmlich ein Industriestandort, lohnt aber einen unbedingten Besuch. Vor allem die Altstadt. Die hat es mir mehr als angetan und ich gedenke dieser Stadt bestimmt einen zweiten Besuch abzustatten. Spätestens wenn es auf dem mittelalterlichen Jakobsweg weiter geht in Richtung Magdeburg…

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