Am Anfang der Klamm wollen schmale und feuchte Wege gegangen werden

Edmundsklamm: Wie ich Tolkiens Mittelerde in der Böhmischen Schweiz fand

Gewitter, Nebel, Moos und Farne: Wie ich in der Edmundsklamm bei Hřensko Tolkiens Mittelerde fand. Mit Anreise, Kahnfahrt und dem Stand nach dem Waldbrand.

Inhalt

Die Wolken hängen tief über der Elbe. Ihr Grau drückt aufs Gemüt und macht die Luft schwül und schwer. Grillen zirpen, Mücken schwirren hektisch durchs Unterholz, und die Vögel haben sich in die dichten Kronen verzogen. Als ahne die Natur, dass sich etwas zusammenbraut. Ich ahne dagegen nichts. Trotz Wetterwarnung steige ich in Schöna aus der S-Bahn und laufe hinunter zur Fähre. Mein Ziel liegt am anderen Ufer, in der Böhmischen Schweiz: die Edmundsklamm bei Hřensko. Ein Schauer? Davon lasse ich mich doch nicht abschrecken. Ich habe schon ganz anderes Wetter überstanden.

Mit der Fähre zur Edmundsklamm

Ein paar Minuten über die Elbe, und ich stehe in Tschechien. Hřensko, früher Herrnskretschen, klemmt in einer engen Schlucht, genau dort, wo die Kamnitz in die Elbe mündet. Gemächlich schlendere ich durch das Grenzstädtchen. Die vielen Hochwasser haben ihre Spuren hinterlassen. Etliche Häuser stehen leer, manche sind kurz davor zu verfallen. In anderen haben sich Händler mit billigem Ramsch eingenistet. Einst ein blühendes Dorf, wirkt Hřensko an diesem Tag wie eine Kulisse, die nur noch für Touristen am Leben gehalten wird. Ich gehe daher weiter.

Am Ortsende folge ich der Kamnitz flussaufwärts. Kurz vor der Klamm gönne ich mir am Imbiss ein Pivo. Der Wind frischt auf, und mir kommen auffällig mehr Wanderer entgegen, als in meine Richtung unterwegs sind. Ein Gedanke ans Wetter? Keiner. Noch ist es warm, und meine Hoffnung groß.

Edmundsklamm: ein Fürst, ein Kahn und ein fernes Grollen

Dass man überhaupt trockenen Fußes in diese Schlucht kommt, verdankt man Fürst Edmund Clary-Aldringen. Er ließ die Klamm Ende des 19. Jahrhunderts erschließen. Sein Baumeister Anton Dagostini trieb Galerien und Tunnel in den Sandstein, 1890 wurde der Weg eröffnet. Wo die Wände zu steil für einen Pfad sind, übernehmen bis heute Fährleute mit flachen Kähnen. Zwischendurch trug die Klamm andere Namen, längere Zeit hieß sie schlicht Stille Klamm. Heute trägt sie wieder den Namen des Fürsten.

Still ist es an diesem Tag nicht lange. Ein fernes Grollen kündigt an, was der Wetterbericht versprochen hat. Vielleicht war es doch keine gute Idee, heute wandern zu gehen. Der Wind wird böig, lässt die Bäume rauschen und die Vögel verstummen. Den Blitz sehe ich nicht. Nur den Donner höre ich, der sich als Echo zwischen den Felswänden verfängt. Es kracht so laut, dass ich zusammenzucke.

Unter dem Felsen von Mittelerde

Am Anleger warten die Kähne. Kurz überlege ich, es den anderen gleichzutun, einzusteigen und mich in die Klamm staken zu lassen. Mein Bauch sagt dann aber doch irgendwie Nein. Also schaue ich den Mutigen nach und drehe um. Genau in diesem Moment prasseln erbsengroße Hagelkörner herab und piksen wie Nadeln auf der Haut. Ein Stück zurück finde ich einen Felsüberhang und stelle mich darunter. Keine Sekunde zu früh. Der Himmel öffnet sich, und es beginnt zu schütten.

Ehrlich gesagt: Ich liebe Gewitter. Nie ist die ursprüngliche Kraft der Natur so unmittelbar zu spüren.

Die Luft, von der Hitze der letzten Tage aufgeheizt, kühlt in Windeseile ab. Dichte Wolkenschwaden senken sich in die Schlucht, schnell, als ließe jemand einen Vorhang herunter. Aus dem Platzregen wird feuchter Niesel, aus der Klamm eine andere Welt. Die Farne, die sich am Sandstein festkrallen, hängen schwer vom Wasser. Jedes Mal, wenn ein dicker Tropfen von einem Wedel perlt, schnellt er zurück nach oben, als wäre ihm eine Last genommen, so wie Mittelerde, nachdem der Ring im Feuer des Schicksalsbergs vergangen ist.

Ich warte auf Legolas und Frodo. Wirklich. Jeden Moment, denke ich, gleitet ihr Boot aus dem Nebel, so wie die Gefährten auf dem Anduin zwischen den steinernen Königen von Argonath hindurchtrieben. Nur Gandalf fehlt. Aber der gilt an dieser Stelle der Geschichte ja auch als verschollen.

Sommergewitter, heißt es, hängen sich manchmal zwischen den Bergen fest und regnen sich ein. Dieses hier tut genau das. Nach einer halben Stunde regnet es nicht weniger, sondern mehr. Der Donner rollt aus allen Himmelsrichtungen, und mir scheint, dass der Pegel der Kamnitz auch schon so ein bisschen steigt. Mein Vorsprung, unter dem ich mich mittlerweile noch tiefer verkrochen habe, schützt nur noch notdürftig. Pech? Auch. Vor allem aber Glück. Denn so sitze ich in der ersten Reihe und darf noch ein Weilchen in Tolkiens Welt verweilen.

Tolkien selbst hat das Elbsandsteingebirge übrigens wohl nie gesehen. Seine Bilder für Bruchtal sammelte er 1911 auf einer Wanderung durch die Schweizer Alpen, im Lauterbrunnental. Gut möglich also, dass Mittelerde überall dort liegt, wo Fels, Wasser und Nebel zusammenkommen.

Umkehren in der Edmundsklamm, damals und heute

Erst nach über zwei Stunden lässt der Regen nach, und ich krieche unter dem Felsen hervor. Es ist kalt, gut fünfzehn Grad kühler als bei meinem Aufbruch. Mir kommen Wanderer entgegen, nass bis auf die Haut. Sie hatten weniger Glück. Weil sich mit fernem Grollen schon das nächste Gewitter ankündigt, beschließe ich, umzukehren. Traurig bin ich darüber kein bisschen. Wer kann schon von sich behaupten, einmal mitten durch Tolkiens Welt gewandert zu sein?

Was ich damals nicht ahnen konnte: Sechs Jahre später, in der Nacht zum 24. Juli 2022, brach bei Hřensko ein Feuer aus. Es fraß sich durch mehr als 1.000 Hektar Wald, in Mezná brannten Häuser nieder. Über 500 Menschen mussten ihre Orte verlassen. Die Edmundsklamm blieb danach drei Jahre geschlossen, weil tote Bäume und lockere Felsblöcke über dem Weg hingen.

Seit Juli 2025 fahren die Kähne wieder, allerdings anders als früher. Hinein geht es nur in einer kleinen Gruppe mit Führung, ein- und ausgestiegen wird ausschließlich in Hřensko. Am Ende der Fahrt wendet der Kahn. Weiter zur Wilden Klamm, hinauf nach Mezná oder über den Gabrielensteig zum Prebischtor geht es von hier aus vorerst nicht mehr.

Mittelerde hat also doch ein Ende. Es liegt dort, wo der Fährmann sein Boot dreht. Schlimm finde ich das nicht. Wer umkehrt, sieht denselben Weg ein zweites Mal, nur eben aus der anderen Richtung. Mir hat das an jenem Nachmittag den Nebel, die Farne und zwei Stunden unter einem Felsen in Böhmen geschenkt.

Tipps & Informationen

ANREISE
↠ S-Bahn S1 bis Bahnhof Schöna, von dort mit der Fähre über die Elbe nach Hřensko. Von der Fähre sind es entlang der Kamnitz flussaufwärts rund 15 gemütliche Minuten bis zum Eingang der Edmundsklamm. Infos unter: vvo-online.de.
↠ Mit dem Auto: Die wenigen Parkplätze an der Elbe sind noch immer kostenlos, bei gutem Wetter aber sehr schnell voll. Im Ort verlangen die Parkplatzbetreiber teils bis zu 15 € für den ganzen Tag. Die Anreise mit Bahn und Fähre ist entspannter.

KAHNFAHRT EDMUNDSKLAMM.
Seit der Wiedereröffnung im Juli 2025 geht es nur mit Führung in die Klamm: Gruppen mit höchstens 25 Personen, Start stündlich, die letzte Gruppe um 17 Uhr. Tickets verkaufen die Guides am Eingangstor, eine Reservierung ist nicht nötig. An vollen Tagen können sie ausverkauft sein. Erwachsene zahlen 350 CZK, Hunde 50 CZK (nur mit Maulkorb), Bezahlung bar oder mit Karte. Ein- und Ausstieg nur in Hřensko, der Kahn wendet am Ende der Klamm. Saison 2026: 18. Juni bis 1. November, sonst üblicherweise Ostern bis Ende Oktober. Bei Unwetter bleibt die Klamm geschlossen. Aktueller Stand bei der Gemeinde Hřensko.

WEITER ZUM PREBISCHTOR?
Die frühere Runde durch Edmundsklamm und Wilde Klamm über Mezná und den Gabrielensteig zum Prebischtor ist aktuell nicht mehr möglich. Der Gabrielensteig ist seit dem Brand 2022 gesperrt, das Prebischtor ist nur noch über die Wegkreuzung Tři prameny (Drei Quellen) erreichbar. Die Wilde Klamm fährt zwar auch wieder, Zugang gibt es aber nur von Mezná über die Stimmersdorfer Brücke. Neu am Mühlweg zwischen Mezná und Tři prameny ist die Aussichtsplattform „Fénix“ mit Blick auf das Prebischtor und die Brandfläche.

WEGSPERRUNGEN.
Im Nationalpark Böhmische Schweiz sind nach dem Brand immer wieder Wege gesperrt oder verlegt. Die aktuelle Übersicht der Nationalparkverwaltung (tschechisch): Dostupné turistické trasy. Der Park darf nur zwischen 6 und 22 Uhr betreten werden, abseits der markierten Wege besteht Gefahr durch umstürzende Bäume. Zuletzt geprüft: Oktober 2026.

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