Winterstein: Wanderung zum Hinteren Raubschloss in der Sächsischen Schweiz

Über eine freistehende Leiter auf den Winterstein, wo im Mittelalter eine Felsenburg stand. Wanderung ab Beuthenfall mit Rückweg über den Kuhstall, Geschichte und Infos.
Aktualisiert von Sven Becker
am 11. Oktober 2026

Inhalt

In meiner Erinnerung war es vor allem meine Mutter, die mich als Kind raus in die Natur zog. Später dann mein Bruder. Heute ist es genau umgekehrt. Jedes Mal, wenn ich in die Sächsische Schweiz zum Wandern fahre, nehme ich meine Mutter dann doch nochmal auf die ein oder andere Tour mit. Hätte ich jedoch geahnt wie schwer der Aufstieg zum Hinteren Raubschloss auf dem Winterstein tatsächlich ist, über welch freistehende Eisenleitern und in den Sandstein geschlagene, vor allem aber gefährliche Tritte er führt – ich hätte uns vermutlich eine andere Wanderung rausgesucht.

Doch meine Mutter wollte unbedingt. Auch als sie sah, dass der Abhang zwanzig Meter in die Tiefe ging, sagte sie nicht „Nein“, sondern „Los jetzt. Weiter.“ So, wie ich es von ihr gewohnt bin. Oben auf dem Gipfel, als wir endlich freie Sicht auf das Umland hatten, sie sich erschöpft aber glücklich lächelnd auf einem der Steine niederließ, wurde mir schlagartig klar, von wem ich meine Wanderlust habe. Wer mich all die Jahre damit angesteckt hat.

Danke Mama. Ganz, ganz großes Kino.

Und jetzt zur Wanderung auf den Winterstein

Zum Startpunkt der Wanderung, dem Beuthenfall, gelangt man auf unterschiedliche Weise. Mit dem Auto, dem Bus, oder – was mir schon seit Kindheitstagen am liebsten ist – mit der Kirnitzschtalbahn. Das ist eine betagte Straßenbahn, die noch original erhalten ist und damals wie heute lautstark um die eigentlich viel zu engen Kurven quietscht. So verlassen wir mit jeder weiteren Biegung, die das rustikale Gefährt geräuschvoll durchs Tal tuckert, die letzten Reste städtischer Zivilisation und tauchen immer weiter in die Sandsteinfelsen der Sächsischen Schweiz ein.

An der Haltestelle angekommen, deren namensgebender Wasserfall zwar noch vorhanden, aber eigentlich keine richtige Sehenswürdigkeit mehr ist, beginnen wir unsere Wanderung. Die führt uns anfangs durch den Dietrichsgrund auf die Zeughausstraße und damit am Alten Wildenstein vorbei. Den kann man zwar durch das dichte Unterholz nicht wirklich sehen, dafür aber hören. Gerade am Wochenende und vor allem im Sommer hört man die Kletterer und Boofer, die rund um den beliebten Felsen übernachten, nämlich recht deutlich. Da das an den beliebten Spots in den letzten Jahren etwas überhand genommen hat, und parallel dazu die Anzahl der Waldbrände gestiegen ist, ist das Boofen inzwischen streng geregelt: erlaubt nur noch Kletterern, nur an 58 gekennzeichneten Stellen und von Februar bis Mitte Juni gar nicht. Schade.

Klettern auf den Winterstein

An den Quenenwiesen vorbei folgen wir erst weiterhin der Zeughausstraße, bevor ein kleines Hinweisschild einen schmalen Weg zum Winterstein anpreist. Und der seltsame Name der Wiesen? Er kommt vermutlich vom mittelhochdeutschen „quinen“, was so viel heißt wie verschwinden. Vielleicht, weil die Bäche hier im Sommer gern versiegen. Dem folgen wir und laufen zwar gemütlich durch die Buchschlüchte, dafür aber auch stetig bergan.

Neuer Hinweis, neuer Weg und schon beginnt der anfangs moderate, später steile Anstieg auf den Winterstein. An dieser Stelle sei ausdrücklich gewarnt: wer Höhenangst oder keinen sicheren Tritt hat, sollte diesen Berg lieber meiden und eher ein ausgiebiges Picknick zu Füßen der Felsen abhalten. Denn hat man erst einmal die leichten Eisenstufen erklommen, wartet inmitten der anschließenden Höhle eine knapp 10 Meter hohe Eisenleiter, die sehr, sehr frei steht und weder über ein Geländer noch eine Sicherungsmöglichkeit verfügt.

Meine Mutter hat an diesem Tag wohl richtig große Lust auf ein Abenteuer, also klettern wir die Leiter nach oben. Anschließend erwarten uns noch Sandsteinstufen, die auch so ein bißchen rutschig sind, Eisenkrampen, an denen man sich wahlweise festhalten oder darauf hochklettern kann, ein schmaler Spalt, in den besser kein Kind reinrutschen sollte, da es wohl ziemlich schwer werden würde, es da wieder herauszubekommen, noch mehr schmale Eisenleitern innerhalb eines Felskamins, am Ende nochmal ein paar Stufen und – voilá – schon stehen wir auf dem Gipfelplateau.

Die Aussicht auf dem Winterstein ist einfach fantastisch. 360-Grad-Panoramablick par excellence. In allen Himmelsrichtungen haben es sich Pärchen oder kleinere Gruppen auf dem Felsen gemütlich gemacht und genießen das laue Lüftchen, das aus dem Tal herauf weht. Obwohl der Himmel bedeckt ist, ist es sommerlich warm. Und angenehm. Wir machen es den anderen gleich und suchen uns ebenfalls einen Platz zum Rasten.

Noch so ein bißchen Geschichte zum Winterstein

Der beste Platz dafür befindet sich auf den Fundamenten des ehemaligen Wohnturms. Die bestätigen, was unterwegs beim Aufstieg schon zu ahnen war: der Winterstein war früher mal eine befestigte Felsenburg. Wer hier gewohnt hat, ist erstaunlich gut dokumentiert, nur nie lange dieselben. 1379 taucht der Winterstein erstmals in einer Urkunde auf, als böhmisches Pfand an Thimo von Colditz. König Wenzel löst es ein, verpfändet es wieder, der nächste Besitzer wird 1397 ermordet. 1404 kommt die Burg an den Meißner Markgrafen, 1441 verkauft Johann von Wartenberg sie an die Städte der Oberlausitz, 1451 fällt sie endgültig an Sachsen. Ob sie danach abgerissen wurde oder einfach verfiel, hat niemand aufgeschrieben.

Und das Raubschloss? Das hat sich das Volk ausgedacht, das hier oben Raubritter vermutete. Der Heimatschriftsteller Götzinger nannte den Felsen 1804 schlicht „Raubstein“, der alte Name Winterstein kam erst 1889 mit einer historischen Karte wieder in Gebrauch. Dazu passt die Sage vom Recken vom Winterstein, einem Raubritter, der von hier oben vorbeiziehende Händler auf einer alten Handelsstraße überfallen haben soll. Den Recken hat es nie gegeben, und auch die Handelsstraße ist vermutlich eine Erfindung aus der Zeit, als die ersten Touristen ins Gebirge kamen. Damals wie heute gilt eben: je reißerischer die Bezeichnung, desto besser die Vermarktung.

Auch die Leiter, über die meine Mutter so tapfer heraufgestiegen ist, hat ihre Geschichte. 1948 wurde die Stiege abgerissen, 1952 bauten die Naturfreunde aus Bad Schandau sie an alter Stelle neu. Ein Geländer gibt es oben bis heute nicht. Und über genau diese Leiter geht es nun auch wieder hinunter.

Rückweg über den Neuen Wildenstein (Kuhstall)

Wieder unten angekommen, folgen wir diesmal dem Trampelpfad rund um die Bärenfangwände, besser bekannt als Königsweg. Ihren Namen haben die Wände von einer ausgehauenen Grube gut 400 Meter nordwestlich, dem Bärenfang. Bären wurden darin vermutlich nie gefangen; eher war sie Wachposten oder Wasserspeicher. Der schlängelt sich unterhalb wunderbarer Kletterfelsen mit so illustren Namen wie Pechofenhorn, Bärenhorn oder Gleitmannshorn und landen wir schließlich unterhalb des Kleinen Winterbergs. Von dem führt nun noch der Fremdenweg immer geradeaus bis direkt hinauf auf den Neuen Wildenstein.

Auch der ist, wie der eingangs erwähnte kleine Bruder, gut besucht, kann aber mit einem herzlich geführten Gasthaus aufwarten. Und einer kleinen Sensation. Um zur Aussicht zu gelangen, müssen wir erst durch ein riesiges Loch im Felsen wandern, in welchem zu mittelalterlichen Krisenzeiten oftmals Tiere der umliegenden Bauernhöfe untergestellt wurden. Daher auch sein Name: „Kuhstall“. Doch die eigentliche Aussicht befindet auf dem Felsen selbst. Durch einen versteckten Wegweiser werden wir die Himmelsleiter (O-Ton Mama: „Oh Gott. Schon wieder Stufen!“) hinaufgeschickt. Oben angekommen genießen wir einen wunderbaren Blick zurück. Nicht nur auf das Hinterland der Sächsischen Schweiz, sondern auch auf den Winterstein. In gut 3 Kilometer Entfernung (Luftlinie) können wir den Felsen, auf dem wir picknickten und der so beschwerlich zu erklimmen war, recht gut erkennen.

Vom Kuhstall, auf dem es noch weitaus mehr zu entdecken gibt als das hier beschriebene, ist es noch ein Katzensprung zum Lichtenhainer Wasserfall. Der ist in der Tat noch ein richtiger und dazu ein richtig schöner. Von hier haben wir erneut die Entscheidungsmöglichkeit wie wir zurückfahren wollen. Meine Mutter scheint mich gut genug zu kennen, um zu wissen, dass es eigentlich nur eine stilechte Art des Reisens im Kirnitzschtal gibt. Und die schlägt sie auch vor: die industrielle Museumsbahn, mit der wir auch schon in das Tal hinein quietschten. Ein krönender Abschluss für eine wunderbare Wanderung.

Tipps & Informationen

ANREISE
↠ S-Bahn S1 bis Bahnhof Bad Schandau, von dort mit der Buslinie 241 bis Haltestelle Kirnitzschtal, Beuthenfall. Infos unter: vvo-online.de.
↠ Alternativ: S-Bahn S1 bis Bad Schandau, von dort mit der Fähre nach Bad Schandau, Elbkai übersetzen. Der Preis ist im S-Bahn-Ticket inkludiert. Den kurzen Fußweg ins Tal reinlaufen und die Kirnitzschtalbahn ebenfalls bis Station Beuthenfall nutzen. ACHTUNG: Die Kirnitzschtalbahn kostet extra: 7 € pro Einzelfahrt, die Tageskarte 10 €, Schüler die Hälfte (Stand: 2026). Mit dem Deutschlandticket oder der Gästekarte Sächsische Schweiz mobil fährt man ohne Aufpreis. Bezahlt wird nur bar. Im Sommer fährt die Bahn alle 30 Minuten.
↠ Mit dem Auto kommt man zwar auch ins Kirnitzschtal, allerdings sind die Parkplätze dort nur sehr klein und meist komplett überfüllt. Es empfiehlt sich die Anreise mit dem ÖPNV.

WEGSPERRUNGEN.
Nach dem Waldbrand 2022 und mehreren Stürmen sind im Nationalpark Sächsische Schweiz immer wieder Wege gesperrt, einige dauerhaft. Welche gerade betroffen sind, zeigt die tagesaktuelle Übersicht der Nationalparkverwaltung (Sachsenforst): Wegeservice & Wegeinfo. Diese Tour zuletzt geprüft: Oktober 2026.

AUSRÜSTUNG.
Für diese Wanderung benötigt es etwas Ausdauer aber ganz wichtig: Trittsicherheit und Schwindelfreiheit für den Gipfel. Der ist nur über freistehende Eisenleitern und zum Teil ungesicherte Sandsteinstufen zu erreichen, die mitunter rutschig sein können.

UNTERKUNFT.
Empfehlenswert und als Ausgangspunkt für diese Wanderung ist die Pension am Lichtenhainer Wasserfall. Die liegt genau eine Station hinter dem Beuthenfall und ist Endziel dieser Wanderung.

ESSEN & TRINKEN.
Da es sich bei entsprechendem Wetter und Pausen auch um eine Tageswanderung handelt, wäre es nicht verkehrt, Essen und vor allem Trinken dabei zu haben. Denn: unterwegs gibt es keine Einkehrmöglichkeiten. Wer unterwegs speisen möchte muss seine Planungen rund um den Kuhstall machen, der aber erst am Ende der Wanderung vorgesehen ist.

BESONDERER TIPP.
Picknick-Decke einpacken und das laue Lüftchen auf dem Winterstein genießen. Der freie Gipfel bietet einen fantastischen Ausblick, den man ruhig etwas länger genießen sollte. Beim Rückweg noch etwas Zeit am Kuhstall einplanen. Die Kuchen (besonders die typisch Sächsische Eierschecke) sind selbstgemacht und richtig lecker.

Wanderkarte

12,4 km

524/523 m

4,5 h

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