Felskar, Scharten und ein Moment der Stille – Wanderung zur Haindlkarhütte im Gesäuse

Wanderung zur Haindlkarhütte im Nationalpark Gesäuse: Anspruchsvoller Aufstieg mit Ausblicken auf Hochtor und Ödstein. GPX-Daten, Anreise und Tipps!

Inhalt

Ein frischer Wind pfeift von den Gipfeln herab ins Tal und mischt sich mit der Kühle der Enns, an deren Ufer meine Wanderung startet. Während ich gestern noch mit respektvollem Abstand zu den Bergen des Nationalparks Gesäuse unterwegs war, habe ich heute große Lust, tiefer in diese Bergwelt einzusteigen. Daher habe ich mir die wohl beliebteste Wanderung und einen Klassiker des Gesäuses ausgesucht: die Rundwanderung zur Haindlkarhütte.

Sie führt über die Gsengscharte und ist auf einem Teilstück wohl auch ein schwarzer Bergpfad. Da ich mich von solchen Einschätzungen aber nicht abhalten lasse, sondern vor Ort entscheide, ob ich mir das zutraue oder nicht, starte ich einmal mehr ziemlich unvorbereitet und von meiner Neugier getrieben in diese Tour. Das würde ich Anfängern eher nicht empfehlen. Nur mit entsprechender Erfahrung bezüglich der eigenen Grenzen lassen sich Touren erst vor Ort gut einschätzen und bewerten. Denn die eigene Gesundheit geht vor! Ein Abbruch wäre an solch einer Stelle keine Schande, sondern Selbstschutz.

Haindlkarhütte und Gsengscharte: Rundwanderung im Nationalpark Gesäuse

Der Anfang wird mir aber leicht gemacht. Der Weg windet sich nur wenig ansteigend entlang des Johnsbachs und werde ich dabei frohgemut vom Gesang der Vögel begleitet. Kurz nach dem Abzweig am Gsengstein wird deutlich, warum man diesen Weg nicht unterschätzen sollte. Die letzte Schneeschmelze hat viel Geröll ins Tal gebracht, sodass ich das ausgewaschene Schmelzwasserbett immer wieder queren muss. Den Wanderweg erkenne ich nur daran, dass der weiße Strich auf rotem Grund immer wieder auf den gegenüberliegenden Seiten aufblitzt. So kann ich mich grob an diesen Zeichen orientieren und steige ganz nebenbei stetig in der Höhe.

Nachdem ich das Geröllfeld ein letztes Mal gequert habe, mache ich Rast auf einer Holzbank unter krüppeligen Kiefern. Dabei offenbart sich beim Blick zurück eine wunderbare Bergwelt. Enge Schluchten, in dunklen Schatten verborgen, und hohe, schroffe Felsen glänzen in der Mittagssonne. Ich bemerke, dass ich nicht nur komplett allein unterwegs bin, sondern dass es auch einfach nur ruhig ist. Wenn der Wind für einen kurzen Moment aufhört zu rauschen, ist es fast mucksmäuschenstill. Und das beruhigt mich augenblicklich enorm. Es ist so still um mich herum, dass sogar meine Gedanken innehalten. In der Neurowissenschaft wird dieser Zustand als „Mind Blanking” bezeichnet. Er beschreibt einen Moment der „geistigen Leere”, in dem das Gehirn keine berichtbaren mentalen Inhalte erzeugt. Wow. Das nenne ich, absolut im Moment zu sein. So etwas hatte ich noch nie. Eine ganz neue Erfahrung für mich. Absolut wiederholenswert.

Plötzlich werde ich aus diesem Flow herausgerissen, als sich auf der gegenüberliegenden Felswand kleinere Brocken lösen und laut polternd ins Tal fallen. Etwas oberhalb erkenne ich den Grund dafür. In ausgesetzter Höhe springt ein Gamsbock auf einem eigentlich viel zu schmalen Felstritt von Vorsprung zu Vorsprung und vollführt dabei fast schon akrobatische Verrenkungen. Dabei schielt er immer wieder zu mir, dem Eindringling, herüber. Ich beobachte seine tollkühnen Künste, bis er viel zu klein ist und weit genug weg. Erst dann schultere ich meinen Rucksack und wandere weiter.

Über die Gsengscharte durch das Gesäuse zur idyllischen Haindlkarütte

Ab diesem Moment wird auch klar, warum dieser Abschnitt als schwarzer Bergweg ausgewiesen ist. Der schmale Pfad führt über lockeres und rutschiges Geröll. Immer wieder muss ich dabei größere Brocken überklettern oder umkraxeln, was ziemlich anstrengend ist. Am Ende warten eine knapp zehn Meter lange Eisenkette und ein paar in die steile Felswand geschlagene Tritte auf mich. Sie führen mich steil, fast senkrecht hinauf zur Scharte. Ich überlege kurz, ob ich mir das zutraue, und komme zu dem Schluss, dass ich schon schwierigere Passagen überwunden habe.

Oben auf der Gsengscharte angekommen, blicke ich kurz zurück und bin ziemlich froh, den Weg in genau diese Laufrichtung gewandert zu sein. Das Seil und die Tritte bergab hätte ich mir vermutlich nicht zugetraut. In die andere Richtung sehe ich ebenfalls hoch aufragende Felsen, in deren Schatten letzte Schneefelder festhängen, die die Sonne bisher noch nicht erreicht hat. Etwas unterhalb dieser Felswand ruht, in der Mittagssonne leuchtend, mein eigentliches Ziel: die Haindlkarhütte. Der Weg dorthin führt von der Gsengscharte in schottrigen Serpentinen hinab. Dort kann ich mich nach der Anstrengung des Aufstiegs erst einmal ganz in Ruhe entspannen. Zwar ist der Hüttenwirt mächtig am Rödeln, die Hütte selbst ist aber noch geschlossen.

Rast auf der Haindlkarhütte im Nationalpark Gesäuse

Und darüber freue ich mich außerordentlich. Wann hat man schließlich schon einmal eine ganze Berghütte in den Alpen für sich allein? Ich mache es mir auf einer der bereitstehenden Bänke gemütlich, esse meine mitgebrachten Stullen und lehne mich entspannt zurück. Die leicht kühlende Brise macht die doch schon recht warmen Strahlen der Mittagssonne erträglich und das sanfte Plätschern des kleinen Brunnens vor der Haindlkarhütte ist einfach nur romantisch schön. Während mein Blick über die gezackten Gipfel der Umgebung wandert, lasse ich meinen Geist vollkommen zur Ruhe kommen. Und nicke ein.

Ausgeruht und wieder bei Kräften wage ich mich an den Abstieg, der abwechselnd durch krüppelig gewachsene Wacholdersträuche führt, die sich unter Felsvorsprüngen ducken, und durch kleine Gruppen von Latschenkiefern, die gerade jetzt im Frühling intensiv nach Badezusatz duften. Auch wenn es zuweilen steil bergab geht, ist dieser Teil des Weges eine absolute Wohltat. Selten war ich so berauscht von aromatischen Düften wie in diesem Moment. Als ich schließlich am kleinen Wasserfall des Haindlkarbaches vorbeikomme, ist es endgültig um mich geschehen. Obwohl ich erst seit zwei Tagen vor Ort bin, habe ich mich augenblicklich in das Gesäuse verliebt.

Rückweg über wundervolle Ausblicke ins Gesäuse

Als ich nach all den überwundenen Höhenmetern wieder an der Straße durch das Ennstal ankomme und an der Bushaltestelle nach den Abfahrtszeiten schaue, stelle ich fest, dass ich eigentlich noch gar keine Motivation verspüre, wieder zurückzufahren. Lieber möchte ich noch ein kleines Stück weiterlaufen, denn die Natur ist hier unbeschreiblich schön. Im Rückblick kann ich nur sagen, dass es die absolut richtige Entscheidung war. Wenn man dem Fahrradweg entlang der Enns nicht durch den Autotunnel, sondern rechts daneben folgt, wird man mit unfassbar schönen Ausblicken in das tief eingeschnittene Tal der Enns belohnt. Was für ein Anblick!

Das Wasser glitzert smaragdgrün in der Sonne und aufschäumende Kronen tanzen darauf wie beim Ballett. Leise säuselt nicht nur der Fluss, sondern auch ein sanfter Wind. Gepaart mit dem Frühlingsgezwitscher der Vögel ist dieser Moment einfach nur Glück pur. Am Rastplatz an der Enns mache ich Halt und lasse diese imposante Gegend auf mich wirken. Dass ich verliebt bin, hatte ich bereits erwähnt, oder?

Am Ende des Weges, der mich zu meinem Ausgangspunkt zurückbringt, nutze ich das warme Tageslicht des Nachmittags und laufe noch zum Johnsbachsteg. Das ist eine recht imposante Holzbrücke über die Enns, die einen ganz anderen Eindruck von Fluss und Gebirge ermöglicht. Eigentlich wollte ich mir auch den Weidendom anschauen, aber leider ist dieses idyllische Plätzchen geschlossen und wird wohl gerade für die neue Saison hergerichtet.

Somit bleibt mir am Ende der Wanderung nichts anderes übrig, als all die Eindrücke in mir nachwirken zu lassen, während ich auf den Bus warte. Insgesamt kann ich sagen: fordernd, anstrengend, aber auch wunderschön. Diese Wanderung über die Gsengscharte zur Haindlkarhütte und damit durch das wilde Gesäuse ist zurecht ein Klassiker. Wer sie verpasst, war nicht wirklich im jüngsten Nationalpark Österreichs.

Tipps & Informationen

ANREISE
Mit der Bahn R58 bis zur Haltestelle Johnsbach im Nationalpark.
Mit dem Bus bis zur Haltestelle Gesäuse Bachbrücke/Weidendom.
Das Auto kann man auf dem Parkplatz Weidendom stehen lassen. Da dieser aber nur sehr klein ist, empfiehlt sich die Anreise mit dem ÖPNV. Dafür verfügt der aber über ein kleines WC.

AUSRÜSTUNG
Trittsicherheit ist wichtig. Außerdem sollte man festes Schuhwerk anhaben. Am besten sind knöchelhohe Berg- oder Wanderstiefel. An der Gsengscharte ist Schwindelfreiheit von Vorteil, da es ein kleines Stück steil die Wand hinaufgeht.

WEGEQUALITÄT
Geröll und Split sind vor allem auf alpinen Bergpfaden zu finden. Es gibt nur wenige Waldpfade mit Wurzeln und Steinen und noch weniger Asphalt.

UNTERKUNFT
Sehr zu empfehlen ist das Xeis NeSt im Admonter Ortsteil Weng im Gesäuse. Es liegt ca. 10 Minuten mit dem Auto oder dem Bus 910 von Admont entfernt. Die Zimmer sind geräumig und stilvoll mit Möbeln aus Echtholz eingerichtet. Ich habe selten so gut geschlafen. Ein toller Pluspunkt ist der Gemeinschaftsraum mit Küche, in dem man sich auch Speisen selbst zubereiten kann.

ESSEN & TRINKEN
Da es sich um eine Tageswanderung handelt, ist es empfehlenswert, vor allem im Sommer, Essen und Trinken dabeizuhaben.
Unterwegs sollte man unbedingt auf der Haindlkarhütte einkehren, die ungefähr auf der Hälfte der Strecke liegt. Da diese aber nur im Sommer geöffnet ist, empfiehlt es sich, vorher einen Blick auf die Webseite zu werfen, um die Öffnungszeiten zu überprüfen.

!— BESONDERER TIPP —!
Am Ende der Wanderung empfiehlt es sich, das Erlebniszentrum Weidendom zu besuchen. Es ist zwar ganzjährig geöffnet, eine Besucherbetreuung gibt es aber nur von Mai bis September. Es ist ein herrlicher Ort zum Entspannen, Staunen und Naturerleben. Für Groß und Klein!

WEITERE INFORMATIONEN…
… gibt es auf der übersichtlichen Webseite des Tourismusverbands Nationalpark Gesäuse. Der Verband betreibt in der Admonter Innenstadt auch eine Tourist-Info, die für mich im Vorfeld die erste Anlaufstelle war. Hier gibt es Kataloge und Faltblätter mit vielen Informationen rund ums Gesäuse sowie persönliche Beratung während der Öffnungszeiten. Auch bei der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten kann man hier Hilfe erhalten.

Wanderkarte

10,2 km

660/640 m

4,5 h

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